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Im Herzen Europa.

Literarische Spuren zwischen Ost und West.

19. Internationales Literaturforum Badenweiler, das Programm der Literaturwoche

Szene aus der Slapstick-Oper

Das Badenweilerer Literaturmuseum „Tschechow-Salon“ und die Deutsche Tschechow-Gesellschaft (DTG) laden vom 13.-16. Juli zu einem sprühend-bunten Veranstaltungsreigen des Internationalen Literaturforums in das Kurhaus ein.

An Frankreich wie an Russland orientierte Themen wechseln sich dabei ab, ist 2017 doch ein Jubiläumsjahr der besonderen Art: Nicht nur, dass Badenweiler den 60. Geburtstag seiner Städtepartnerschaft mit dem lothringischen Kurort Vittel feiert (8.7.), literarisch rückt die Würdigung des 50. Todesjahres von Badenweilers deutsch-französischer Ehrenbürgerin, der Schriftstellerin Annette Kolb, in den Vordergrund. Gemeinsam mit ihrem lebenslangen Freund, dem Schriftsteller René Schickele  – auch er ein Wahlbürger Badenweilers – hat sie lebenslang für die nationale Aussöhnung von Frankreich und Deutschland und ab den 1950er Jahren für die Idee der Städtepartnerschaften zwischen beiden Ländern gekämpft.

Doch auch die in Deutschland einzigartigen Russlandbezüge Badenweilers können mit gleich mehreren kulturellen Höhenflügen  glänzen.

Am Donnerstag, dem 13. Juli, findet zuerst die Jahreshauptversammlung der DTG (17 Uhr, Gäste willkommen) statt, danach wird die russisch-französischeKonzertpianistin Katia Nemirovich-Dantchenko aus Toulouse ein exklusives Vortragskonzert (20.15 Uhr) geben. Als Großenkelin des Schriftstellers Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko, der zusammen mit dem Theaterreformer und Regisseur Konstantin Stanislawski das berühmte Moskauer Künstlertheater und dadurch Tschechows Welterfolg begründete, ist sie in der russischen Kulturtradition der Jahrhundertwende bestens bewandert. Unter dem Motto Musikalische Ästhetik und Symbolismus in Russland am Anfang des 20 Jahrhunderts. Werke von Alexander Skrjabin, Wladimir Rebikow, Sergej Rachmaninov  und Sergej Prokofjew“ lädt sie zu einer deutschsprachigen Promenade durch die stürmische Kultur nach 1900, als Moskau und St. Petersburg im Umbruch zur Moderne standen. (Abendkasse)

Gleich am nächsten Tag, Freitag, dem 14.7. Juli, 20.00 Uhr, dem französischen Nationalfeiertag, erfolgt die erste Hommage für Annette Kolb mit der 1983 von Percy Adlon gedrehten Verfilmung von Kolbs autobiografischem Roman „Die Schaukel“. Kurz vor Kolbs Flucht aus Badenweiler ins französische Exil 1933 geschrieben, bildet der Film eine köstlich-heitere Parabel auf Bayern wie auf das Leben der Familie des königlich-bayrischen Gartenarchitekten Lautenschlag, das Filmpseudonym für die Kolbs. Man ist eine „feine Adresse“ in München, steht aber immer kurz vor der Pleite und schliddert mit Feiern und Konzerten unbemerkt dem Ersten Weltkrieg entgegen. Der pubertäre und freche Salonschreck „Mathias“, Alter Ego des realen „Fräulein Kolb“, ist eine Glanzrolle für Marianne Sägebrecht. Mit einer Einführung von Heinz  Setzer. (Abendkasse)

Am Samstag, 15.7., Tschechows Sterbetag vor 113 Jahren, gibt es gleich zwei Programmpunkte: Um 15 UhrBesichtigung der Kurgärtnerei Badenweiler mit der „Tschechow-Rose“, eines originalen Ablegers einer von Tschechow gesetzten Rose aus dem Museum in Jalta auf der Krim, der zum Einpflanzen hochgepäppelt wird. Von seinem Haus in Jalta reiste Tschechow 1904 über Moskau nach Badenweiler. Anschließend eine Gutedelweinprobe vom Wingert am Burgberg. (Eintritt frei)

Am Samstagabend, 15.7., 20.15 Uhr, wird dann die theatralische Glanznummer des Literaturforums geboten: die Slapstick-Oper „Warum haste denn ‘nen Frack an?“des Berliner russischen Musiktheaters „Kabarett Lori“, sehr frei nach dem humoristischen Einakter Tschechows „Der Heiratsantrag“. Schon zu Tschechows Zeit begeisterte diese aberwitzige Komödie über zwei Heiratswillige, die erst nach absurden Streitigkeiten zusammenkommen, das Publikum. Beim Internationalen Theaterfestival-Wettbewerb in Jalta erhielt die Inszenierung den ersten Preis, auch beim internationalen Festival „Melichower Frühling“ bei Moskau in diesem Jahr gab es standing ovations. Entgegen ersten Ankündigungen wird nun in der russischen Originalsprache mit deutschem Lauftext gesungen und gespielt, um die authentisch-feurige Opernatmosphäre mit live-Musik zu wahren. (Abendkasse)

Am Sonntag, 16.7., 19.30 Uhr, laden der „Tschechow-Salon“ und die DTG zu einer Jubiläumsfeier, welche das internationale Kulturprofil Badenweilers besonders strahlen lässt.

Seit einem halben Jahrhundert hat Prof. Dr. Rolf-Dieter Kluge als Literatur- und Kulturwissenschaftler zuerst von der Uni Freiburg, dann von Tübingen aus, die Kenntnisse und das Verständnis der slawischen Kulturen gefördert, vor allem hinsichtlich Russlands. Nun kann Kluge seinen 80. Geburtstag feiern und Badenweiler ist der richtige Ort dafür, kann man doch seit Ende der 1970er Jahre mit Blick auf die Russlandbeziehungen des Heilbads von einer Ära Kluge sprechen. Viele Projekte gehen auf ihn zurück, etwa das neue Tschechow-Denkmal am Burgberg, die internationalen Tschechow-Kongresse, viele Vorträge und Kulturbegegnungen; seit 2009 ist er zudem Vorsitzender der Deutschen Tschechow-Gesellschaft mit Sitz in Badenweiler. Als Ehrengeschenk werden Literaturmuseum und DTG ein Buch mit Erinnerungen und Anekdoten von Schülern, KollegInnen und Freunden an ihn überreichen, herausgegeben von Heinz Setzer und Regine Nohejl. Die Festschrift ist auch als Beitrag zur slawistischen Kultur- und Literaturgeschichte Baden-Württembergs gedacht.

Prof. Kluge wird sich mit dem Vortrag „Ein Streitgespräch zwischen dem Zaren Iwan dem Schrecklichen und einem protestantischen Pastor über Martin Luther und die Reformation“ revanchieren. Als musikalisch exklusiver Rahmen wird Prof. Hans Josef Maier von der Staatl. Musikhochschule Trossingen auf dem russischen Lieblingsinstrument, dem Akkordeon, hier in einer Spezialanfertigung in mitteltöniger Stimmung, Kompositionen von Nikolaus Brass sowie aus der Renaissance, also der Lutherzeit, spielen.

Grußworte werden sprechen: Dr. h.c. Gernot Erler, MdB, Russlandkoordinator der Bundesregierung und Präsident des Kuratoriums der DTG; Prof. Dr. Wladimir Katajew, Vorsitzender der Tschechow-Kommission der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau; Dr. Thomas Schmidt, Leiter der Arbeitsstelle für baden-württembergische Museen in Marbach sowie der russische Honorarkonsul Prof. Dr. Klaus Mangold und ein Vertreter des Generalkonsulats Frankfurt. Die Moderation übernehmen die beiden Buchherausgeber, ein Stehempfang rundet die Feier ab. (Eintritt frei)

H.Setzer