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Innovationen und Traditionen - ein Jubeljahr.

Zur Internationalen Tschechow-Woche Badenweiler 2019

The same procedure as… nein, ganz im Gegenteil war die diesjährige Tschechow-Woche des Internationalen Literaturforums Badenweiler und der Deutschen Tschechow-Gesellschaft (DTG) ausschließlich von Neuem und Unwiederholbarem geprägt. Als Start gleich doppelt konzentriert: Scholem Alejchem, die jüngste Neuentdeckung am Badenweilerer Literatenhimmel, erhielt gleich zwei Abendveranstaltungen: einmal mit Bildvorträgen von drei Schweizer Literaturwissenschaftler*innen am Eröffnungstag, dem 18.7.2019. Dann am Folgetag: Lesungen aus dem Werk dieses russisch-jüdischen Schriftstellers, begleitet von jiddischen Liedern. Und am letzten Tag, Sonntag, den 21.7., lief die Feier zur 10-jährigen Gründung der DTG bei strahlendem Wetter als Open Air-Veranstaltung auf dem Rathausplatz. Und wenn auch das renommierte Staatliche Akademische Obraszow-Puppentheater aus Moskau am 20.7. nun bereits zum dritten Mal mit einem exklusiven Gastspiel nach Badenweiler gekommen war, das mitgebrachte aufwändige Stück über die Reiseabenteuer des Barons von Münchhausen begeisterte in seiner prächtig-phantastischen Bühnenästhetik das zahlreiche Publikum und war gleichfalls ein einmaliger Event. War es doch ein Geschenk des Russischen Kulturministeriums an Badenweiler.

Doch zurück auf Start:

Zuerst zur Hauptversammlung der DTG am 18.7. nachmittags mit einschneidenden personellen Veränderungen: Bürgermeister Karl-Eugen Engler, seit Gründung im Jahr 2009 Schatzmeister der DTG, erklärte seinen Amtsrücktritt mit der kleinen Einschränkung, bis Oktober kommissarisch im Amt bleiben zu wollen. Mit ihm verliert der Vorstand einen erfahrenen Partner und Freund, der auch als erster während einer Reise zur Kulturpartnerstadt Taganrog 2008 die DTG-Gründung ins Spiel gebracht hatte. Als Kuratoriumsmitglied wird er der Gesellschaft zum Glück erhalten bleiben. DTG-Gründungsmitglied Roland Nußbaumer, bis vor kurzem noch Ortvorsteher von Lipburg-Sehringen, wurde einstimmig zum Nachfolger gewählt.

Noch ein weiterer, wenn auch verzögerter Abgang, ließ diese HV historisch werden: Der Gründungsvorsitzende der DTG, Prof. Prof. h.c. Dr. Rolf-Dieter Kluge, Ehrengast des Heilbads Badenweiler, der seit Ende der 1970 er Jahren die russischen Traditionen des Heilbads mit geprägt hat, erklärte aus Alters- und Gesundheitsgründen seinen Rücktritt. Allerding wird er das Amt gleichfalls noch bis Oktober kommissarisch weiterführen. Die offizielle Neuwahl soll dann auf einer Außerordentlichen HV erfolgen. Der Vorstand benannte die bisherige Beisitzerin, die Romanistin und Germanistin Prof. Dr. Dorothea Scholl (Tübingen), als Kandidatin für die Wahl zum Vorsitz für die restliche Amtszeit von zwei Jahren. Sera Leisinger (Badenweiler), die Literaturwissenschaftlerin Dr. Shifra Kuperman (Basel) sowie der französische Muttersprachler Alain Cormont (Offenburg), der als Kontaktperson zum Russischen Generalkonsulat und zur russischen Gemeinde in Straßburg fungieren soll, wurden in das Kuratorium aufgenommen.

An der Front der Literaturwissenschaft: Scholem Alejchem

Am gleichen Abend wurde zur ersten Scholem Alejchem-Veranstaltung geladen: Prof. Dr. Thomas Fries (Uni Zürich), Dr. Sebastian Bott (Zürich) und Dr. Shifra Kuperman (Zentrum für jüdische Studien, Uni Basel) waren angetreten, den russisch-jüdischen Schriftsteller, der 1910 und 1911 in Badenweiler gelebt und dort zwei Romane und mehrere Erzählungen geschrieben hatte, aus der Vergessenheit zu holen und mit Klischees zum jüdischen Schtetl als romantischen Ort aufzuräumen. Bott referierte die meist von Elend und Verfolgung gezeichnete Geschichte der „Schtetl“-Kultur im sogenannten „Ansiedlungsrayon“, der von Zarin Katharina der Großen festgelegten Siedlungsgrenze für Juden in Westrussland, zu dem auch die Ukraine und Weißrussland zählten, um sie von Kernrussland fernzuhalten. Bis zu dieser Linie, die von der Ostsee bis ans Schwarze Meer reichte, lebten um die Jahrhundertwende rund fünf Millionen zumeist chassidische Juden, seit den 1880er Jahren verstärkt von Pogromen und staatlichen Restriktionen bedroht.

Prof. Fries zeigte, dass Scholem Alejchem, der zuerst in Hebräisch und Russisch geschrieben hatte, das Jiddische als spätmittelalterlich deutsches Sprachidiom mit hebräischen und slawischen Einsprengseln zu einer bis dahin unerreichten literarischen Sprachhöhe geführt hat, für die er sogar den Vergleich der Weltliteratur heranzog. Bis dahin hatte das Jiddische als Alltagssprache der Ungebildeten kaum literarische Aufmerksamkeit erfahren. Scholem Alejchem, so Fries, sei zudem nicht nur Schriftsteller gewesen, sondern auch Volksaufklärer in Zeiten der vorrevolutionären Epoche Russlands. S. Kuperman schließlich schlug den Bogen zu Badenweiler, indem sie ihre neuesten Forschungsergebnisse zu den Aufenthalten des Schriftstellers 1909 in St. Blasien und 1910 und 1911 in Badenweiler vorstellte. Dabei las sie die von ihr erstmals aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzte Erinnerungen an S. Alejchems Aufenthalte im Heilbad, wohin diesen – und nicht nur darin ähnlich wie Tschechow - die eigene TBC-Erkrankung geführt hatte. Alejchems erste Schritte führten ihn an das damals noch existente erste Denkmal für Tschechow,  den 1904 verstorbenen Schriftsteller, den er so sehr verehrte.

Fortsetzung folgt

Heinz Setzer