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Keine Revolutionsfeier, dennoch eine Sternstunde.

Lesung zum 100. Jahr der russischen Oktoberrevolution von Literaturmuseum Badenweiler und Deutscher Tschechow-Gesellschaft

Das Publikum war sich nach Standing Ovations am 19. September 2017 im Annette-Kolb-Saal des Kurhauses einig: Dem Internationalen Literaturforum Badenweiler und der Deutschen Tschechow-Gesellschaft war in der Matinee-Lesung zum 100. Jahrestag der russischen „Oktoberrevolution“ eine synästhetische Sternstunde mit Lesung, Vortrag und Konzert gelungen.

Unter dem lautmalerisch Gewehrfeuer nachbildenden Titel: „Die Freiheit, die Freiheit – Tra-ta-ta“, las der Schauspieler und Leiter des „Literatheaters Badenweiler“, Martin Lunz, das Revolutionsgedicht „Die Zwölf“ von Alexander Block, das eine der bedeutendsten russischen Dichtungen des 20. Jahrhunderts mit weltliterarischem Rang darstellt.

Der Lesung vorausgegangen war ein Vortrag des Ehrengastes des Heilbads, Prof. Dr. Rolf-Dieter Kluge (Tübingen), Vorsitzender der Deutschen Tschechow-Gesellschaft, über die Hintergründe der Revolution und den Dichter Alexander Block (1880-1921). Der wegen seiner expressiven Bildsprache nur schwer übersetzbare Gedichttext war speziell für die Lesung von Kluge aus mehreren Übersetzungen kompiliert, aber auch teilweise neu übersetzt worden. Lunz gelang es, alle Nuancen und komplexen Stilmittel des Textes sprachlich und szenisch mit Bravour zu vermitteln. Sein meisterhafter Vortrag brachte zum Bewusstsein, wie grandios das Block’sche Gedicht in seinen lyrischen und dramatischen Qualitäten ist. 

Auch Kluge wurde seiner Fama, ein faszinierender Redner zu sein, erneut gerecht. Vom sowjetischen, 60 Jahre lang gepflegten Mythos der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ sei im heutigen Russland kaum etwas übrig geblieben, startete er seine spannenden Ausführungen. Zudem führe (25.10.1917 nach altem Kalender; 07.11.1917 nach neuem Kalender) die Bezeichnung „Revolution“ in die Irre, seien doch die eigentlichen revolutionären Umwälzungen schon lange vor diesem Datum in Gang gekommen: vor allem in der Februarrevolution 1917 durch die Zerschlagung der vierhundertjährigen Monarchie der Romanows und durch die von der „provisorischen“ Regierung Kerenski betriebene Fortführung des Krieges gegen Deutschland, was die Flucht der unterversorgten und schlecht geführten russischen Truppen von der Front sowie chaotische Versorgungsnöte unter der Bevölkerung ausgelöst habe. Als der Führer der Bolschewistischen Partei, Wladimir Iljitsch Lenin, von den Deutschen als „Geheimwaffe“ aus dem Exil in Zürich in die russische Hauptstadt Petrograd, dem früheren St. Petersburg, geschickt wurde, sei es wie geplant zum politischen Umsturz gekommen – und zum Frieden mit Deutschland. Lenin hatte die rückflutenden Soldaten mit dem Versprechen für sofortigen Frieden, Brot und Landverteilung geködert. Im nachfolgenden russischen Bürgerkrieg entstand die Sowjetunion, doch es war der Umsturz, der später von den Medien zum Mythos der Revolution verklärt wurde.

In Alexander Blocks Poem, das als Hörprobe von der gebürtigen Russin Dr. Jana Wenzel in Auszügen auch in der Muttersprache gelesen wurde, marschiert eine Gruppe von zwölf bewaffneten Rotarmisten, gewalttätig und plündernd, mitten im Schneesturm durch die Stadt. Auf ihrem Weg ermordet einer der Zwölf aus Eifersucht Katja, seine frühere Geliebte, die ihn mit einem Bürgerlichen betrogen hat. Immer wieder ermahnt der Appell: „Halte Schritt mit der Revolution! / Der Feind ist nah! Er lauert schon!“ zum Vorwärtsschreiten. Die Wirren des Aufruhrs und der Sturm der Elemente fügen sich sprachlich zur wild-chaotischen Einheit. Und dann, unberührt von Sturm und menschlicher Gewalt, geht Jesus Christus, sanft von Schneeglanz umweht, den Revolutionären voraus.

Kluge fand für dieses blasphemische Bild der mordenden Jesusjünger eine faszinierende Auflösung: Block sah in der bolschewistischen Revolte keine politische Bewegung, sondern einen tief elementaren Vorgang, der den apokalyptischen Überzeugungen des orthodoxen Altgläubigentums entsprach, mit dem der Dichter sich lange beschäftigt hatte. Doch auch dies war nicht die letzte Deutungsschicht Kluges: Angeregt von Nietzsches Gegensatz zwischen dem „Apollinischen“ und dem „Dionysischen“ in „Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“ sei Block, zudem ein begeisterter Wagnerianer, von der dionysischen Urkraft des Lebens, die Katastrophen zulasse, überzeugt gewesen.

Vortrag und Lesung wurden mit hinreißender Virtuosität auf dem Flügel musikalisch umrahmt und begleitet von Dietmar Kluge, Pianist, Musikwissenschaftler und Leiter der Musikakademie Dettenhausen. Er hatte seine Kompositionsauswahl – die höchste Anforderungen an den Pianisten stellt – kongenial dem Text von Block angepasst und erzeugte mit der „Suggestion diabolique“ op. 4, Nr. 4 von Sergej Prokowjew von Anfang an eine Atmosphäre, die auf den obsessiven Rhythmus, die künstlerischen Dissonanzen und die ironischen und unheimlichen Akzente des Revolutionsgedichts vorzüglich einstimmte. Mit seiner leidenschaftlichen Interpretation der Etüde op. 8 Nr. 12 dis-Moll von Alexander Skrjabin vermittelte der Pianist das gewaltige Pathos des Gedichts, in dem die Revolutionäre immensen Naturgewalten ausgesetzt sind. Den wahrlich stürmischen Höhepunkt bildete dann die von Franz Liszt gesetzte Klavierfassung von „Isoldens Liebestod“ aus Richard Wagners Tristan und Isolde. Wagners Musik hat Alexander Block, wie Rolf-Dieter Kluge in seinem Einführungsvortrag angekündigt hatte, stark in seiner Weltanschauung und in seiner Poetik und Dichtung geprägt. Dietmar Kluge verstand es, mit berauschender Klangfülle und feinsinniger Spielweise die stetig wachsende Steigerung des Block’schen Gedichts nachzuempfinden, bis hin zu den überirdisch wirkenden Sphärenklängen, in die sich Musik und Dichtung am Ende auflösen. Mitgerissen von diesem grandiosen Gesamtkunstwerk reagierte das Publikum mit einem Sturm tosenden Beifalls.  

Heinz Setzer, Dorothea Scholl