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Le Jumelage - en marche. Festakt zur 60-jährigen Städtepartnerschaft mit Vittel.

Tempora mutantur, die Zeiten ändern sich, für Badenweiler aber mit hellem Horizont: Zur 50-Jahrfeier der Städtepartnerschaft Badenweiler-Vittel vor 10 Jahren hatte die globale politische Großwetterlage rosiger ausgesehen als bei der jetzigen 60-jährigen Jubiläumsfeier am Samstag, dem 8. Juli 2017: Putin war damals vom US-Magazin (!) Times zum „Mann des Jahres“ gewählt worden, man sprach von „strategischer Partnerschaft“ Westeuropas mit Russlands, die EU bekam gerade neun neue Mitgliedsländer und Obama kurz danach den Friedensnobelpreis, globale Abrüstung schien greifbar. Doch schon 2008 begann sich die Atmosphäre mit der Weltfinanzkrise einzudüstern – und sie blieb es bisher. Aber trotz alledem: die Rauchwolken beim G20-Treffen am letzten Samstag in Hamburg sollten für die zeitgleiche Jumelagefeier Badenweiler-Vittel keine Aussagekraft haben, im Gegenteil, die Jubiläumsfeier wirkte wie ein belebendes Gegenmittel gegen politische Tristesse und Frustration. 

Der vielköpfige Kinderchor verlockte schon am Anfang des Festaktes mit einem Liederpotpourri, treffend begonnen mit „Bonjour, comment ça va?“, das Publikum zu herzlicher Frohgestimmtheit.

Natürlich gehört die Ehrengastnennung zum rituellen Standard solcher Feiern, Bürgermeister Karl-Eugen Engler begrüßte folgende Anwesenden: Guido Wolf, Minister für Justiz und Europa in Baden-Württemberg; den Abgeordneten im Deutschen Bundestag Armin Schuster, Dorothea Störr-Ritter, Landrätin für den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald; Dr. Klaus Schüle, Frankreichbeauftragter des Regierungspräsidiums Freiburg; Guy de la Motte-Bouloumié, Bürgermeister a.D. Vittels und Ehrenbürger Badenweilers; Jean-Jacques Gaultier, der jetzige Bürgermeister Vittels, kürzlich als Deputierter in die französische Nationalversammlung gewählt; und last but not least, Dr. Rudolf Bauert, den Amtsvorgänger von Bürgermeister Engler.

Höhepunkte des Festaktes waren unzweifelhaft die Reden. Allen voran die von Bürgermeister Karl-Eugen Engler, der eine politisch-historische Tour de raison zur  Partnerschaft präsentierte.  Mit den Kernsätzen aus dem Verbrüderungseid, 1957 von Bürgermeister Dr. Friedrich von Sieboldt und Bürgermeister Guy de la Motte-Bouloumie vorgetragen, wurde das mutige Ideal von damals erneut beschworen: Das „Gefühl der europäischen Brüderlichkeit“ zu stärken, „mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln“ die Wahrung des Friedens, der Förderung des Wohlstands und der europäischen Einheit zu leisten, - ausgesprochen gerade zwölf Jahre nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieg. Es waren Maximalforderungen in der jungen deutschen Republik, die durch die vorhergegangene deutsch-französische Geschichte damals kaum gerechtfertigt schienen. Doch Engler konnte etwa mit Verweis auf die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG, auf die Römischen Verträge die realistischen Wegmarken zu diesem Ziel benennen: „Blickt man zurück, so gab es noch nie in der Geschichte Europas so lange Frieden am Stück! – jetzt bereits 70 Jahre! Und das in einer Welt, in der rings um uns herum über 40 bewaffnete Konflikte schwelen.“ Englers Gesellschaftsanalyse führte zwar zu dem hoffnungsvollen Satz: „Die Bilder der Kriege, des Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer wurden so ersetzt durch das Bild einer Union des Friedens und der Stabilität“, dennoch wogen auch für ihn die aktuellen Krisenthemen wie Flüchtlinge, Brexit, Terroranschläge und die zersplitterte politische Parteienlage schwer. Er machte deutlich, als er die Verdienste der beiden Wahlbürgern Badenweilers, der Literaten Annette Kolb und René Schickele, zur geistigen und praktischen Vorbereitung der Partnerschaft benannte, dass immer der Einzelne gefordert ist, sich seiner Verantwortung zu stellen, wenn das große Ganze florieren soll. A. Kolb hatte so mit einem programmatischen Vortrag bei der Internationalen Bürgermeisterunion (IBU) 1956 in Straßburg die letzten Hürden bei der Gemeinde für eine Partnerschaft beiseite geräumt. Dass unsere Welt im Wandel begriffen sei, so Engler, erfordere ein neues Denken „über die eigene Zeit hinaus“. Seine Botschaft ließ die Wohlfühlaura hinter sich, als er damit endete, die Partnerschaft nicht nur mit „gelebter Gegenwart“ zu füllen, sondern erneut visionär wie 1957 über Grenzen hinaus zu denken.

Europaminister Guido Wolf, MdL, hatte Badenweiler die Ehre des Festvortrags gewährt: Auch er griff die Geschichte der Städtepartnerschaft auf und sah in ihr „dass Europa abseits aller aktuellen Probleme und Herausforderungen, abseits des Brexits und der Eurokrise, vor Ort in unseren Städten und Gemeinden lebt und eine feste Größe geworden ist.“ Dabei dürfe es nicht nur um Feiern, Shoppen oder Sightseeing gehen, sondern als Resultat der Partnerschaft solle „echte Freundschaft“ erwachsen – ein hoher Anspruch. Näher ging er auf die Partnerschaft der beiden Thermalwasserstädte ein – bis heute sind Badenweiler und Vittel die einzigen Vertreter dieser Gattung. Dass Vereine, Institutionen wie die Trachtenkapelle und die Feuerwehr die Partnerschaft tragen, wurde ebenso aufgegriffen wie die Sekt-Jubiläumsedition der WG Britzingen. All jene Schritte „setzten den überkommenen Vorstellungen einer angeblichen „Erbfeindschaft“ das strahlende Bild vieler kleiner Brücken über den Rhein entgegen.“ Wolf zitierte hierzu treffend den gerade verstorbenen Bundeskanzler Helmut Kohl: „Nur wenn Europa mit einer Stimme spricht und seine Kräfte bündelt, kann es sein Gewicht angemessen zur Geltung bringen.“ Angesichts der Wahl Emmanuel Macrons sah Wolf durchaus mit Hoffnung in die Zukunft und zudem den „deutsch-französischen Motor“ wieder anspringen. Und es war an ganz Europa  gerichtet, als er folgenden Gedanken ausführte: „Jetzt können Berlin und Paris wieder eine Achse bilden. […] Die beiden stärksten kontinentalen Kräfte im Herzen Europas müssen – ohne anderen etwas vorzuschreiben […] vorausgehen und für ganz Europa Vorbild und Orientierung sein. […] Frankreich und Deutschland zusammen bilden historisch wie politisch das Herz des vereinten Europas.“ Frieden, Freiheit und Wohlstand – drei Begriffe, die die Mission unseres Kontinents ausmachen sollten, die aber das „europäische Projekt“ voraussetzten. Denn jeder Staat, auch Deutschland mit seinen 80 Millionen, sei „für die Welt“ zu klein, doch die halbe Milliarde Europäer könne globales Gewicht geltend machen. Dabei brauche es Vielfalt und Unterschiedlichkeit in Kultur, Bildung und Kunst, das Europa von morgen müsse sich deshalb in  ein „Europa der Regionen“ wandeln. Als ein schlagendes Beispiel hierfür benannte Wolf die Städtepartnerschaften: Deren interkommunalen Netzwerke würden eine Kultur des Dialogs stiften. Badenweiler und Vittel könnten dabei Beispiele für die Freundschaft unserer Länder gelten.

Danach ergriff der 96-jährige Altbürgermeister Guy de la Motte-Bouloumié das Wort und ließ, verlesen von seiner Gattin, die Erinnerung an den Gründungsvertrag von 1957 aufleben.  Er hatte ein beeindruckendes Wortspiel für die Entwicklung der letzten 60 Jahre gefunden: aus der Vernunftehe von damals sei eine Liebesehe geworden und die Partnerschaft zur Brüderschaft gereift.

Die Europahymne „An die Freude“ aus der IX. Symphonie Beethovens gab den würdigen Schlussakkord zu diesem ersten Teil der Feierstunde, großer Beifall belohnte das Kurorchester „Prima la Musica“ für diesen Zwischenakt, bevor im zweiten Teil der Feierstunde Bürgermeister Jean-Jacques Gaultier die Ehrenbürgerwürde Badenweilers erhielt.