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Dritter und letzter Teil zur Internationalen Literaturwoche Badenweiler „Im Herzen - Europa“, im Juli 2017

„Mit Kultur der deutsch-russischen Krise begegnen!“

Zur Feier des 80. Geburtstags von Prof. Dr. Rolf-Dieter Kluge

in der „außerrussischen Tschechow-Hauptstadt“

Wenn Literatur schreiben ein schier grenzenloses Experimentierfeld für Selbsthinterfragung und Selbstvergewisserung ist, so ist die interpretierende Beschäftigung mit Literatur ein geistiges Handwerk, das Brücken der Nähe und des Verständnisses zwischen Werk, Autor, Leser und Gesellschaft schlagen kann. Prof. Dr. Rolf-Dieter Kluge, dessen 80. Geburtstag am letzten Tag der Internationalen Literaturwoche Badenweiler, am Sonntag, dem 16. Juli 2017, im Annette-Kolb-Saal des Kurhauses Badenweiler gefeiert wurde, war und ist ein solcher Handwerker und zudem ein begnadeter Moderator, der seit Ende der 1970er Jahre den Beziehungen Badenweilers  und Baden-Württembergs nach Osteuropa, und da vor allem nach Russland, in einer Weise seinen Stempel aufdrückte, welche das Etikett „Ära Kluge“ kaum übertrieben erscheinen lässt.

Die Slawisten und ehemaligen Kluge-Schüler, Dr. Regine Nohejl, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Freiburg und Schriftführerin der Dt. Tschechow-Gesellschaft (DTG), sowie Heinz Setzer, Museumsleiter Badenweilers und Stv. Vorsitzender der DTG, spielten im vollbesetzten Annette-Kolb-Saal im Kurhaus die Cicerones dieses beeindruckenden Abends.

Neben den Grußwortrednern gab es viele Ehrengäste zu begrüßen: etwa Prof. Dr. Valeria Netschajewa (Universitäten Moskau und Tübingen, Ehrenmitglied der DTG); Prof. Dr. Elisabeth Cheauré (Slavisches Seminar, Direktorin des Zwetajewa-Zentrums der Univ. Freiburg); Irina Kortschewnikowa (Direktorin des Staatl. Akad. Obraszow-Puppentheaters Moskau); Dr. Tatjana-Emilia Tischner (Baden-Baden, Stv. Vorsitzende der Turgenev-Gesellschaft Deutschland); Dr. Karla Günther-Hielscher (Slaw. Fachjournalistin, Seeshaupt); Prof. Dr. Wolfgang Hochbruck (Universität Freiburg, Begründer des Stephen Crane-Forschungspreises); Prof. Dr. Rüdiger Safranski (Schriftsteller, Badenweiler) oder Dr. Rudolf Bauert, (Altbürgermeister Badenweilers, Ehrenmitglied der DTG).

Zur thematisch passenden musikalischen Umrahmung hatte man Prof. Hans Maier von der Staatlichen Musikhochschule  Trossingen dazu gewinnen können, Auszüge aus einem von ihm speziell zum Lutherjahr entwickelten Konzertrepertoire auf dem in Russland so geliebten Akkordeon zu spielen: Kompositionen der Renaissance und des Frühbarock, also aus einer Zeit, als das Akkordeon noch nicht erfunden war. Als Kontrapunkt hatte er allerdings mit einem fast atonalen Stück des zeitgenössischen Komponisten Nikolaus Brass eröffnet, das manchen Hörer irritierte und den musikalischen Entwicklungssprung von 500 Jahre verdeutlichte.

Kluges internationale Wertschätzung spiegelte sich nachfolgend in den Worten der Grußwortredner. Angesichts der aktuellen schwierigen politischen Russlandbeziehungen Deutschlands und befeuert vom kritisch-aufklärerischen Anspruch Kluges gingen die Reden fast immer über den persönlichen Anlass hinaus und schlossen auch kulturpolitische Perspektiven der Zukunft ein.

Als Hausherr startete Bürgermeister Karl-Eugen Engler mit der Erinnerung an seine erste offizielle Begegnung mit dem Jubilar: 1992, bei der feierlichen Enthüllung des neuen Tschechow-Denkmals am Burgberg, das die Gemeinde den breitgefächerten russischen Kontakten Kluges zu verdanken habe. Seither habe die literarische Gedenkkultur im Heilbad eine kaum erwartete Lebendigkeit mit internationalem Zuspruch erlangt. Kluge sei der „in seiner Wirkung kaum zu überschätzende Botschafter für die Bedeutung der Literatur“, so Englers Kernsatz, wobei er die internationalen Tschechow-Symposien, die Museumsplanungen und die gerade im letzten Herbst erfolgte Delegationsreise der DTG und Badenweilers nach Sankt Petersburg, die erstmals Kontakte nach Nordrussland begründete,  Revue passieren ließ.

Als nächster Redner  hätte Dr. Thomas Schmidt (Deutsches Literatur-Archiv Marbach) als Leiter der Arbeitsstelle für Literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg, das Wort erhalten sollen, doch war er im Stau auf der A5 hängen geblieben.

Extra aus Moskau war Prof. Dr. Wladimir Katajew  (Lehrstuhl für Russ. Literatur der Staatl. Lomonossow-Universität Moskau (MGU), Vorsitzender der Tschechow-Kommission der Russ. Akademie der Wissenschaften Moskau, Vizepräsident des Kuratoriums der DTG) angereist. Eine Gedichtzeile des romantischen Schriftstellers Michail Lermontow „Der Kelch des Lebens“ zitierend, bezog er dieses Bild des vollen Kelches auf Kluge persönlich, der im höchsten Maße außergewöhnliche bilaterale wissenschaftliche und kulturelle Kontakte beider Ländern zustande gebracht habe und schon 1986 Ehrenprofessor der MGU geworden sei. Viele junge Teilnehmer jener ersten gemeinsamen Seminare der Universitäten Moskau und Tübingen seien heute schon selbst als Professoren tätig, die Kluges Wertschätzung, aber auch den Ruf Badenweilers als Zentrum deutsch-russischer Begegnungen weiter trügen. Das für 2018 geplante Stanislawski-Projekt von Museum und DTG gäbe gerade jetzt dem kulturellen Dialog beider Länder neuen Auftrieb durch die schöpferischen Kräfte Kluges wie der seiner Kollegen und Schüler.

Ähnlich hochgestimmt war auch die Laudatio von Prof. Dr. Klaus Mangold (Honorarkonsul der Russ. Föderation in Baden-Württemberg, ehemaliger Vorsitzender des Ostausschusses der dt. Industrie): Kluge habe das deutsch-russische literarische Leben Badenweilers wie ganz Baden-Württembergs geprägt, die Literaturveranstaltungen in Badenweiler hätten das Leben im Heilbad bestens stimuliert. Dabei ging Mangold besonders auf die drei internationalen Tschechow-Kongresse ein, wobei er, nach den jeweils 10-jährigen Pausenintervallen vorschlug, einen vierten Kongress ins Auge zu fassen. Dann wurde er grundsätzlicher: Zwar stünde die Bedeutung der Wirtschaft Baden-Württembergs als stärkster deutscher Handelspartner Russlands außer Frage, auch wenn sich das Volumen in den letzten drei Krisenjahren fast halbiert habe, doch dringend nötig sei es, die kulturellen Beziehungen beider Länder stärker zu entwickeln. Badenweiler sei da beispielgebend, auch Gernot Erler, der den europäischen Dialog mit Russland aufrecht halte. Mangold bedauerte, dass Dr. Schmidt nicht anwesend sei, der über die bilaterale  Ausstellung „Rilke in Russland“ hätte reden können. Mangold nahm sich deswegen selbst des Themas an und umriss dieses für beide Länder „enorm wichtige“ Projekt, das die deutsch-russischen Gemeinsamkeiten so überzeugend präsentiere. Auch das gerade gegründete „Zwetajewa-Zentrum“ von Universität und Stadt Freiburg sei eine höchst bedeutende Neuerung, die, natürlich Badenweiler mit eingeschlossen, das kulturelle Gewicht des ganzen Landes zeige. Nach den Sätzen: „Wenn Politik sprachlos geworden ist, dann braucht es die Kultur, um die Sprachlosigkeit zu überwinden!“ und „Ohne Russland ist keine europäische Kultur und kein Frieden in Europa möglich“ gab es anhaltenden Beifall.

Nachfolgend ergriff Alexander Stankievich (Seniorkonsul des russ. Generalkonsulats in Frankfurt) als Stellvertreter von Generalkonsul Alexander Bulay das Wort, der sich im Urlaub befand. Er zitierte Tschechows Überzeugung, dass das Wichtigste im Leben unermüdliches Arbeiten sei. Dies bezeugte er auch für Kluges Laufbahn, zudem mit dem Wunsch, dass dieser noch lange aktiv bleibe. Stankievich endete mit der Zusage, das Generalkonsulat wisse um den Wert der DTG und Badenweilers und wäre bereit, in jeder Hinsicht Unterstützung zu leisten!

Letzter Grußwortredner war Dr. h.c. Gernot Erler, (MdB, Russlandkoordinator der Bundesregierung, Präsident des Kuratoriums der DTG), der gleichfalls die aktuell schwierige Beziehung Russlands mit Deutschlands beklagte, aber als Trost die Fülle von Kultur- und Städtepartnerschaften beider Länder ins Feld führte. Auch er ging auf „Rilke in Russland“ und das Zwetajewa-Zentrum ein, die beide neue Perspektiven eröffneten.  Erler führte die wissenschaftlichen Leistungen Kluges an, die viel breiter als nur das Tschechow-Thema seien und etwa die Romantik, Turgenjew, die Perestrojka, aber auch west- wie südslawische Themen umfassten. Badenweiler sei durch Kluge und seine Mitarbeiter Nohejl und Setzer zur „außerrussischen Tschechow-Hauptstadt“ geworden. Grundsätzlich sei es Kluge stets um die Beziehungen Russlands zum Westen gegangen, in der Hoffnung, beide Pole in einer „Menschheitskultur“ vereinen zu können.

Danach stellten R.Nohejl und H. Setzer Entwicklungsgeschichte und Inhalt des von beiden herausgegebenen Erinnerungsbuches für den Jubilar vor: „Ein Leben für den deutsch-slawischen Dialog der Kulturen. Rolf-Dieter Kluge zum 80. Geburtstag“. Dieses Buch, das 33 Textbeiträge von Kolleginnen, Kollegen, Freunden und ehemaligen Schülern Kluges aus mehreren Ländern sowie eine umfangreiche Gratulationsliste enthält, stelle keine wissenschaftliche Festschrift im herkömmlichen Sinne dar, - eine solche hatten beide schon zum 65. Geburtstag Kluges publiziert – sondern persönliche Erfahrungen mit Kluge und Erinnerungen an ihn, und dies über einen Zeitraum von einem halben Jahrhundert, was den Band auch zu einem Beitrag der slawistischen Rezeptionsgeschichte Baden-Württembergs mache. Ein Wermutstropfen war allerdings, dass die Auslieferung der Buchauflage unterwegs ins Stocken geraten war und somit dem Jubilar nur ein Vorabexemplar ausgehändigt werden konnte. Mittlerweile ist das Buch, das von der Gemeinde, der SPK Markgräflerland, dem Nationalarchiv Marbach und der DTG mitgetragen wurde, im Sekretariat des Rathauses Badenweiler erhältlich.

Prof. Kluge sollte es sich nicht nehmen lassen, nach einer bewegenden Dankesrede seine Jubiläumsfeier mit einem hochaktuellen Vortrag zu beschließen, der seinen  Forschungen zum Protestantismus und zu Luther in Polen und Russland gewidmet war. König Zygmund von Polen, das damals das lutherische Bekenntnis angenommen hatte (!), hatte 1570 eine Gesandtschaft nach Moskau geschickt, die einen Friedensschluss im „Livländischen Krieg“ mit dem orthodoxen russischen Zaren Iwan, dem „Schrecklichen“, erreichen sollte. Bislang war dabei kaum untersucht worden, dass man Moskau zudem für den protestantischen Glauben gewinnen sollte. Hierdurch wären etwa das katholische Deutsche Kaiserreich und seine beginnende Gegenreformation geschwächt worden. Der Theologe Jan Rokita, der als geistlichen Beistand der Staatsdelegation Zar Iwan die lutherische Glaubenslehre vortrug, glaubte mit seiner religiösen Mission zuerst Erfolg zu haben, wurde aber letztlich vom Zar unter Aufzählung aller „falscher“ Glaubenssätze als Ketzer und Verführer des rechtgläubigen russischen Volkes des Landes verwiesen. Bis heute bestimmen die damals formulierten Streitpunkte den Gegensatz zwischen Orthodoxie und Protestantismus in Russland!

Ab Mitte September wird die Jubiläumsfeier für Prof. Kluge samt den Grußworten und dem Vortrag auf den Websites des Museums www.literaturmuseum-tschechow-salon.de und der DTG www.deutsche-tschechow-gesellschaft.de  als Film zu sehen sein.

Badenweiler wird Prof. R.-D. Kluge in Würdigung seines jahrzehntelangen Engagements für die Literaturgeschichte des Ortes am Sonntag, dem 8. Oktober, die Auszeichnung „Ehrengast des Heilbads 2017“ überreichen.

Heinz Setzer