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„Zugpferd oder Trittbrettfahrer? Museen und Tourismus“.

Arbeitstagung des Museumsverbandes Baden-Württemberg

Unter diesem zugkräftigen Titel hatte der baden-württembergische Museumsverband  vom 23. Bis 24.3.2018 ins „Museum im Ritterhaus“ in Offenburg geladen, um einer der wohl aktuellsten Fragestellungen zum Selbstverständnis deutscher Museen nachzuspüren. 629 Mitglieder hat der Museumsverband zurzeit, wie Präsident Jan Merk vom Markgräfler-Museum Müllheim verkünden konnte, 96 hatten sich zur Fachtagung samt Mitgliederversammlung angemeldet.

Badenweiler, das wie kaum eine andere Museumsstadt von seinen auswärtigen Gästen lebt,  war dieses Thema auf den Leib geschneidert. Zwar müssten die Museen an erster Stelle von der Akzeptanz der Einwohner getragen werden, so Dr. Johannes Dreier vom Regierungspräsidium Freiburg bei seinem Einführungsreferat, um dann die allgemein akzeptierte Formel auszugeben: Tourismus und Museen seien ein Tandem, beide müssten deshalb dringend als Netzwerk zusammen arbeiten, um ihre jeweiligen, keineswegs immer deckungsgleichen Zielvorstellungen erreichen zu können. Merk präzisierte, dass außer dem regionalen Wohlwollen stets dringend drei grundlegende Strategien entwickelt werden sollten, zu denen er den Kulturwissenschaftler Pierre Luigi Sacco (Univ. Mailand) zitierte, den aktuell vielleicht wichtigsten internationalen Vordenker zum sozialen Nutzen von Kultur. Ein Museum sei ein „Wissenstempel“, eine „Unterhaltungsmaschine“ und - als heute entscheidende Qualität - eine „Plattform der gesellschaftlichen Anteilnahme“. Ein Museum müsse dabei durch Alleinstellung und Qualität seiner Veranstaltungen Auswärtige anziehen und überzeugen können. In acht verschiedenen Referaten, vier Workshops und mehreren Erfahrungsberichten der Tagungsteilnehmer wurden diese theoretischen Vorgaben aus den verschiedensten Perspektiven beleuchtet und auf ihre Brauchbarkeit hinterfragt.

Schon die Vortragstitel wie „Bestseller oder Ladenhüter? Museen als Tourismusfaktor“ (Andreas Braun, Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg); „Tourismus – Fluch oder Segen? (Dr. Anton Englert, Museen der Stadt Füssen); „Inhalt oder Outfit? Was zieht Touristen ins Museum?“ (Dr. Wolfgang Gall, Patricia Potrykus, Museum im Ritterhaus, Offenburg);  „Der Tagestourist, eine unterschätzte Zielgruppe im touristischen Marketing“ (Armin Dellnitz, Regio Stuttgart Marketing- und Tourismus-GmbH), machten deutlich, dass es keine einfachen Lösungen gibt und falsche Einschätzungen unterlaufen können.

Klar wurde, dass es ohne einprägsames Profil  und Öffentlichkeitsarbeit nicht gehe. Wenn ein Tourist erst nach Hinweistafeln zum Museum fragen müsse, sei schon vieles verloren.

Kulturbürgermeister Hans-Dieter Kopp führte dies am Beispiel Offenburg vor, das  versuche, sich als „touristische Marke“ mit „Freiheitsstadt für Demokratie“ zu etablieren – kein gerade kleiner Anspruch einer bislang wenig bekannten Museumsstadt. A. Braun brachte eine Flut statistischer Zahlen: 1.300 Museen gäbe es in Baden-Württemberg bei 1.100 Gemeinden, womit das Land die stärkste Museumsdichte in Deutschland aufweise. Für 37% aller 80 Mio. Deutschen seien bei Urlaubsreisen Museumsangebote relevant. 47% aller Deutschen würden Baden-Württemberg für ein geeignetes Kulturreiseland halten, wenn Reisende aber schon früher einmal im Land gewesen seien, steige diese Zahl auf den sehr hohen Wert von 66%.

Nötig, so nicht nur Braun, sei es, Reiseanlässe mit dem Kernthema „Kultur“  zu schaffen, wozu von der Sonderausstellung über die Museumsnacht bis zur Präsenz im Web und den sozialen Medien alles gefordert sei. Gerade die Touristen seien in den sozialen Netzwerken unterwegs, wer hier versage, verspiele sein Potential.

Ein positives Beispiel bot Dr. Eva Keller, die die Marke „Basel als Museumsstadt“ vertrat, was nur möglich geworden sei durch die enge Kooperation von „Baseltourismus“ und Museumslandschaft. Dennoch gäbe es auch hier noch Desiderate, man wünsche sich mehr Kulturkompetenz beim Marketing, das nicht nur auf Übernachtungszahlen schielen dürfe, sondern auch kulturelle Inhalte verstehen müsse, andererseits müssten Museen auch stärker die Wünsche der Touristiker berücksichtigen.

Beim kürzlich eingeweihten neuen Museum „Tonofenfabrik“ in Lahr wurde vorgeführt, wie eine bislang recht unbekannte Museumsstadt sich durch Mehrsprachigkeit mit Deutsch-Französisch und Englisch ein internationales Standing erschließen könne, was gerade im grenznahen  Baden Erfolg verspreche. A. Dellnitz brachte mit seinem Vortrag über den unterschätzten Tagestouristen das Forum zum Staunen, sei er es doch, der die Besucherstatistik in die Höhe treibe, wenn man dessen Bedürfnisse kenne. Tips dazu lieferte der Referent gleich mit. Die Kultur- und TV-Journalistin Julia Bauer brachte die Museumsperspektive aller am Ende auf den Punkt: „No boring museums - story telling is necessary. The museum – it is a place of ideas!“ Für Badenweiler, das mit seinen grenzüberschreitenden Verbindungen nach Frankreich, den USA und vor allem Russland, von Museumsleiter Heinz Setzer mehrmals in den Diskurs eingebracht wurde, gab es viele Anregungen. Nicht zuletzt versprach auch der Marketingchef des Landes, A. Braun, sich näher mit den internationalen Belangen des Museums „Tschechow-Salon“ befassen zu wollen.

Heinz Setzer