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Eine chamäleoneske Soiree.

Das Literaturmuseum Badenweiler und die Deutsche Tschechow-Gesellschaft begehen Tschechows Geburtstag.

An authentischer Stätte, dem heutigen Hotel Katharina, der früheren Pension Friederike, eine von Tschechows drei Quartieren 1904 in Badenweiler, hatten Literaturmuseum Badenweiler und Deutsche Tschechow-Gesellschaft (DTG) am 27.1. zu einem wahrhaft chamäleonesk-turbulenten Abend bei vollem Saal geladen. Wie im letzten Jahr gestalteten Mitglieder aus DTG-Vorstand und Kuratorium die Lesung.

Der weiten und verständnisvollen Natur Tschechows angemessen, wurde der Abend mit einer Würdigung des Erzählers und Romanciers Iwan Turgenjew eröffnet, der vor 200 Jahren geboren wurde. Wie Prof. Dr. Rolf-Dieter Kluge, Vorsitzender der DTG, ausführte, war er der Lieblingsschriftsteller Tschechows. Turgenjew, der außer in Moskau auch in Berlin studiert hatte, hatte fast acht Jahre seines Lebens in Baden-Baden verbracht, - zudem in einem Ménage-à-trois-Verhältnis mit der berühmten französischen Sängerin Pauline Viardot und deren Gatten. Turgenjew ist heute noch für Russen „der Westler“ überhaupt, der mit Romanen wie „Väter und Söhne“ oder „Rauch“, der in Baden-Baden spielt, die damals zentrale Frage nach der geistigen Orientierung Russlands – Ost oder West – stellte. Turgenjew kam zudem, da er mit einem Großteil der Schriftsteller Deutschlands persönlich bekannt oder befreundet, war, eine Art kulturelle Brückenfunktion mit Russland zu.

Drei „Gedichte in Prosa“ Turgenjews sollten die erste Hälfte der Soiree beschließen: Der romantisch-anrührende Text „Der Spatz“, dann „Der Hund“ und zuletzt das „Lob auf die russische Sprache“, auf Deutsch gelesen von Dr. Regine Nohejl und auf Russisch, um dem authentischen Wortklang Referenz zu erweisen, von Elisabeth Hartmann und Dr. Jana Wenzel. Dietmar Kluge, Pianist und Leiter der Musikakademie Dettenhausen, umkleidete die erste Hälfte musikalisch einfühlsam mit Schuberts „Impromptu As-Dur“ und dem „Ständchen“ von Schubert/Liszt.

Der zweite Teil des Abends bot ein Tschechowsches Satire-Feuerwerk: Drei kleine Erzählungen – eine literarische Spezialität Tschechows –, so Kluge bei seiner Einführung, seien von dem Schriftsteller Dr. Wolfgang Schwarz und der Dramaturgin Erica Risch 1977 in Minidramen umgewandelt worden. Nun erfolge deren Wiederentdeckung, wenn auch nicht als richtiges Theaterspiel, sondern als Lesungen. Den furiosen Start gab das Duo Barbara Hahn-Setzer und Heinz Setzer mit dem „Simulant“: Ein verarmter Landadeliger schmeichelt sich bei einer als Homöopathikerin praktizierenden reichen Generalsgattin ein, indem er vorgibt, durch drei winzige Arzneikörnchen, die sie ihm gegeben hatte, von seiner jahrelangen Krankheit geheilt worden zu sein. Aus Freude über dieses Heilwunder beschenkt sie ihn übermäßig – bis sie feststellt, dass alles Betrug war: „Arglistig ist der Mensch!“ so ihre entsetzten Schlussworte. Beim „Chamäleon“ wagte das „Ensemble“ (Prof. Dr. Helmut Haas, Elisabeth Hartmann, Dieter Schreck, Rolf Siegismund, Prof. Dr. Rolf-Dieter Kluge und Inge Kluge mit Hund Olga) sogar eine turbulente „szenische“ Lesung: Ein Handwerker wird von einem Hund gebissen, beklagt seinen blutenden Finger beim Stadtpolizisten, der die „Bestie“ auf der Stelle erschießen lassen will. Doch als sich erweist, dass der Hund vielleicht dem Standortgeneral oder dessen Bruder gehört, wandelt sich die Bestie beim Polizisten zum niedlichen Hündchen, der Handwerker aber zum üblen Unruhestifter.

Dass Tschechow ein Meister der unerwarteten Erzählschlüsse ist, bestätigte sich auch bei der dritten, von Prof. Dr. Dorothea Scholl und Prof. Dr. Rolf-Dieter Kluge gelesenen Kurzgeschichte „Eine rätselhafte Natur“: Eine Dame und ein Mitreisender geraten ins Gespräch. Sie beklagt ihm, dass sie ihr junges Leben lange einem reichen alten Greis hingeopfert habe, mit dem sie sich verehelicht hatte. Nun endlich sei er verstorben und habe sie reich und frei zurückgelassen. Doch schon drohe das nächste Unheil, um ihr Leben zunichte zu machen: ein zweiter reicher Greis! Nach der ersten Verblüffung des Publikums ließ der große Applaus nicht auf sich warten.

Dietmar Kluge löste die literarische Spannung jeweils zwischen den Lesungen durch passend ausgewählte Stücke von Tschajkowski, Skrjabin und Rachmaninow, die gleichfalls stürmischen Beifall erhielten.

Anschließend blieb ausreichend Zeit für Gespräche, aber vor allem auch, um die ausgezeichnete Küche des Hotels zu genießen.

Die von Martin Berger, Büro für Digitalisierung, gefilmte Soiree wird demnächst über die Website des Museums und der DTG nacherlebt werden können.

Heinz Setzer