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Über eine Schriftstellerin, die auszog, die Welt zu verändern.

Eröffnung der Ausstellung zum 50. Todesjahr der Ehrenbürgerin Badenweilers, Annette Kolb.

Die Stühle reichten nicht, um allen Gästen bei der Eröffnung der Sonderausstellung des Literarischen Museums Badenweiler „Ein Logenplatz zwischen den Stühlen. Annette Kolb – Bürgerin zweier Vaterländer und literarische Stimme Europas“ am 3.11.2017 im Annette-Kolb-Saal des Kurhauses Platz zu bieten. Nach einem festlichen Klavierauftakt mit Kompositionen von Richard Strauß begrüßte Kurator und Museumsleiter Heinz Setzer die Ehrengäste: Frau Sibyll-Ann Kolb-Mertineit, die Großnichte der Schriftstellerin, Dr. Rudolf Bauert, der als ehemaliger Bürgermeister noch für Annette Kolb zuständig gewesen war sowie den diesjährigen Ehrengast des Heilbades, Prof. Dr. Rolf-Dieter Kluge aus Tübingen, Vorsitzender der Dt. Tschechow-Gesellschaft (DTG). Setzer dankte dann seinem  ehrenamtlichen Aufbauteam (R.-D. Bentele, G. Lang-Lingin, Dr. R. Nohejl, A. Pahl, D. Schreck, J. Wenzel), das vor allem aus Mitgliedern der DTG bestand, war die Gesellschaft doch bereit, aus Solidarität mit dem Literaturmuseum auch das Kolb-Projekt zu unterstützen. Da die Ausstellung zudem im nächsten Jahr als kultureller Beitrag Badenweilers in der lothringischen Partnerstadt Vittel gezeigt werden soll, wurden die umfangreichen Texte und Bildkommentare, gleich ehrenamtlich ins Französische übertragen (A. Cormont, Prof. Dr. E. Enderlein, E. Kunz, Prof. Dr. D. Scholl).

Zwei „Bildalleen als Erlebnisraum Kolb“

Danach stellte Setzer die Spezifika der Ausstellung vor: Mit rund 150 Exponaten sei sie die größte Kolb-Präsentation, die jemals in Baden-Württemberg zustande gekommen sei. Ermöglicht hätte dies eine umfangreiche Auswahl aus gleich drei Kolb-Archiven: dem eigenen Literaturarchiv Badenweilers, dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach, vor allem aber dem Monacensia-Archiv der Stadtbibliothek München, welches über den größten Kolb-Nachlass überhaupt verfüge. Setzer dankte den Institutionen für deren großes Entgegenkommen bei der uneingeschränkten Exponatauswahl und den dann gefertigten Scans. Zwar würden in Badenweiler fast ausschließlich Kopien präsentiert, doch seien diese mit höchster Bildqualität direkt von den Originalen eingescannt worden, was beim Ausdruck wesentlich größere Bildformate erlaubt habe. Konzipiert sei die Ausstellung als „Erlebnisraum“ in zwei „Bildalleen“ mit Ausstellungstafeln, welche die Facetten des Lebens und  Werks A. Kolbs aufzeigen und Neugierde wecken sollten. So der berühmte Reisepass Annette Kolbs mit dem durch Tintenflecken gelöschten Geburtsdatum, was dann fast bis zu ihrem Tod Rätsel über ihr eigentliches Alter aufgab. Aussagekräftig durch die Begründungen auch die vielen Auszeichnungen, etwa der Orden Pour le mérite, gleichfalls mit falschem Datum, oder die Goethe-Preis-Urkunde, der Badenweiler Ehrenbürgerbrief, aber auch der Führerschein von 1932, auf dem A. Kolb sich volle neun (!) Jahre jünger gemacht hatte. Beeindruckend ist auch die Bilderstrecke zu Badenweiler, die Dokumentation ihrer Freundschaften mit bekannten Schriftstellern wie J. Giraudoux, R. Rolland oder Th. Mann, die Satire der „Edelziege Kolbannette“ aus Franz Bleis „großem Bestiarium“ oder die großformatigen Abbildungen ihrer Gemäldeportraits, etwa das berühmte, fast ekstatische Portrait von Habermann, Bilder, die so kaum irgendwo sonst  zu sehen seien.

Tiefe Einblicke in Leben und Werk im Festvortrag

Mit der Einladung der Münchner Literaturwissenschaftlerin Dr. Hiltrud Häntzschel als Festrednerin hatte Setzer einen Glücksgriff getan. Die Referentin, die zusammen mit ihrem Mann, Prof. Dr. Günter Häntzschel, eine vierbändige kommentierte Kolb-Werkausgabe herausgibt, die Ende des Monats erscheinen soll, beeindruckte alle mit ihrem angenehmen Vortragsstil wie ihrer stupenden Fachkenntnis. Diese erstmalige große Werkausgabe wurde von der Darmstädter Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung initiiert, bei der Annette Kolb 1949 Mitglied wurde.

Ohne  Studium, so Häntzschel, das ihr von der damaligen männerdominierten Gesellschaft als Frau verwehrt worden war, ohne größeres Kapital, habe sich Annette Kolb dennoch ihr ganzes Leben wie selbstverständlich durch die Welt der Diplomaten, der Geburts- und Geistes-Aristokratie wie der Literatur bewegt und für ihre Ideen gestritten, vor allem für die Aussöhnung mit Frankreich und für ein geeintes Europa. Für Hugo von Hofmannsthal war ihr erster Roman bereits eine Erleuchtung, für Romain Rolland wurde sie wegen ihres Kampfes gegen Militarismus und Nationalismus zum „Gewissen Europas“. Für die Nazis wurde sie allerdings zur Bedrohung, was sie von 1933 bis 1945 ins Exil nach Frankreich und in die USA zwang. Einzig die Jahre in Badenweiler, ihrer Wahlheimat von 1923 bis 1933, wo sie sich als Nachbarin René Schickeles wohlfühlte und auch die höchste Anerkennung als Schriftstellerin und Essayistin genoss, war sie keine von der Politik Getriebene und Verfolgte. Dr. Häntzschel hatte sogar die Liste ihrer Bücher ausfindig gemacht, die von den Nazis verbrannt werden sollten. Ein Vortrag mit vielen neuen Einblicken in Kolbs Leben, der mit viel Beifall belohnt wurde! Danach gab es im Ausstellungsfoyer bei französischen Klängen durch das Orchester Prima la Musica beim Stehempfang noch lange Gelegenheit zum angeregten Gespräch.

Zum Ausstellungsende wird das Werk Annette Kolbs nochmals zum Thema werden: am Samstag, dem 25.11., 20.15 Uhr, werden Mandy Leichsenring und Heinz Setzer eine Blütenlese unter dem Titel bieten: „‘… und da flogen ein paar Stinkbomben herein, nichts von Bedeutung…‘ oder wie man sich zwischen alle Stühle setzt und dennoch reüssiert.“

Und am 16. Januar 2018, werden Dr. Hiltrud Häntzschel und ihr Mann, gemeinsam mit dem Essayisten Albert von Schirnding und der Schauspielerin Barbara Auer die neue Werkausgabe Kolbs im Rahmen einer Lesung mit Vortrag im Kurhaus vorstellen. Diese exklusive Veranstaltung wird in München eröffnet werden, und dann nur noch in Erfurt, Badenweiler, Stuttgart und Wien stattfinden.

Heinz Setzer