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Vittel zelebriert brillantes 60-jähriges Städtepartnerschaftsjubiläum.

Große Aufgaben für die Partner in der Zukunft

 

Am Samstag, dem 16.September, entließen zwei große Reisebusse als „Retourkutschen“ für den Besuch der Partnerstadt vor neun Wochen im Schwarzwald, die über hundertköpfige Vertretung Badenweilers vor dem fahnenumwehten Hôtel de Ville, dem Rathaus der Stadt, zur großen Jubiläumsfeier im lothringischen Vittel.

Eine große Geste des Vertrauens – die Schlüsselübergabe

Und wie 60 Jahre zuvor erstmals geschehen, startete Vittel um 10.30 Uhr mit einer großen symbolischen Geste, die damals wie heute begeistert aufgenommen wurde: Franck Perry, seit August neu ins Amt gehobener Bürgermeister Vittels und Vizepräsident der Communauté de Communes Terre d’Eau, überreichte zu den schmissigen Klängen der Blue Dixie Band auf der Rathaus-Freitreppe seinem Badenweilerer Amtskollegen Karl-Eugen Engler den großen Stadtschlüssel als Zeichen der Freundschaft und des Vertrauens. Beim Gründungsakt 1957 waren die Protagonisten die Bürgermeister Guy de la Motte-Bouloumié und Dr. Friedrich von Siebold gewesen; Dass der französische Amtsträger von damals mit seinen 96 Lebensjahren auch jetzt noch zugegen sein konnte, wurde mit großem Applaus bedacht.

Seinen straff getakteten Fortgang nahm das Jubiläumsprotokoll im prall gefüllten Alhambra-Kinosaal, wo der Vitteler gemischte Chor „Aqua Song“ unter Leitung der Dirigentin Brigitte Royer Chardonnet das Jubiläum musikalisch durch die Beethovensche EU-Hymne „Ode an die Freude“ eröffnete, womit zugleich symbolisch ein Sprung vom Regionalevent zu dem von europäischer Bedeutung geglückt war.

Die Ansprachen über neue Aufgaben der Partnerschaft

Danach folgten die offiziellen  „Positionsbestimmungen“ der Partnerschaft, wobei die Reden jeweils in der anderen Sprache zum Mitlesen projiziert wurden.

Bürgermeister Franck Perry, einer italienisch-französischen Familie entstammend und nach seiner Profession freier Unternehmer, der neben Englisch und Italienisch auch einige deutsche Sprachkenntnisse besitzt, zog seine weitreichende politische Perspektive zuerst aus der Partnerschaftshistorie.

Die Gründungsväter Dr. von Siebold und de la Motte hätten „mit unerschütterlichem Willen“  ganz früh, zeitgleich zu den Römischen Verträgen, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und Euro-Atom, aus denen das geeinte Europa erst erwachsen sei, die Annäherung beider Städte betrieben. In diesem Geiste hätten auch General de Gaulle und Kanzler Adenauer 1962 den Weg zu einem neuen Europa gefunden. „Jeder von beiden hatte verstanden, dass nur ein miteinander versöhntes Deutschland und Frankreich der Motor für diese neue Kooperation sein können.“ Von beiden Seiten des Rheines sei damals diese neue Zeit, die Friedenszeit der Völker, begründet worden. Und dies, so legte Perry nach, sei heute so wichtig wie damals: „Das ist gerade besonders wahr in einer Zeit des Wiedererwachens des Nationalismus, des Isolationismus einiger Länder und des Brexits … Diese Entwicklungen sollten uns warnen und uns nach der Zukunft Europas fragen lassen, nach unserem Willen, es als ein Raum des Friedens und der Brüderschaft zu verteidigen.“ Europa müsse heute anders gedacht werden, nicht nur als geeinigter Wirtschaftsraum, um der amerikanischen Konkurrenz gewachsen zu sein, oder als funktionierendes diplomatisches Netzwerk, sondern als realer Raum der persönlichen Teilhabe und der Freundschaft.  Geschähe dies nicht, würde Europa das der Wirtschaftsbosse und Konsumenten bleiben, „Spielzeug eines technisch-administrativen Zwangssystems aus Bürokratie und Normen“. Nötig sei deshalb die Entwicklung einer modernen Gesellschaft, in der der Mensch nicht nur Individuum sei, sondern vor allem eine Persönlichkeit, die Größe und Würde im Dienste des Allgemeinwohls finde. „Kurz gesagt, man muss den Menschen mit Herz ins Zentrum des Systems einpflanzen, vor allem den des Herzens.“ 60 Jahre Partnerschaft bedeuteten die „Diamantene Hochzeit“. Der Diamant als „Königin der Steine“ stehe für Perfektion, Klarheit, Reinheit und Licht, so wie es zwischen beiden Städten sein solle.  Diese, so sei er überzeugt, seien auch mit der jüngeren Generation bereit, einen Wettbewerb der Ideen einzugehen, der den Weg der Älteren erneuere und fortführe. Perry endete mit dem großen Bekenntnis, das auch ein Versprechen ist: „Ich bin von Vittel, aber ich bin auch von Badenweiler.“

Dann dankte Bürgermeister Karl-Eugen Engler seinem Vorredner sowie der 93-jährigen Aktivistin der Partnerschaft, Mme. Petitcolas, wie dem Altbürgermeister de la Motte für deren hingebungsvolle Arbeit und erklärte, wie sehr ihn die Übergabe des Stadtschlüssels als Symbol der Freundschaft und des Vertrauens geehrt habe. Zudem begrüßte er den Senator der Vogesen im neuen Departement Grand Est, Jackie Pierre. Das neue Gesicht der Partnerschaft, so hob er hervor, müsse das eines Klimas von enger Freundschaft und Nachbarschaft  werden. Man habe einen Weg über 60 Jahre hinweg beschritten, auf den man mit Stolz zurückblicken könne, auf den sich Zukunft bauen lasse.

Altbürgermeister De la Motte-Bouloumié äußerte danach seine Genugtuung, dass es ihm vergönnt sei, seit 72 Jahren in Frieden leben zu können. Die Ode an die Freude sei das Ideal, das alle in Europa unterstützen sollten und das auch die Partnerschaft in die Zukunft trage.

Dem Exbürgermeister Vittels und seit Juli Ehrenbürger Badenweilers, dem französischen Parlamentsdeputierten Jean-Jacques Gaultier, gehörte das letzte Wort. Als kürzlich ernannter Abgeordneter Lothringens in der französischen Nationalversammlung  und Mitglied der nationalen Kulturkommission dankte er den Ehrengästen und Badenweiler für die guten Jahre der Zusammenarbeit  und erklärte, in die Assemblée nationale in Paris eine französisch-deutsche Freundschaftsgruppe integrieren zu wollen. Dann  lud er, was spontanen Beifall auslöste, eine Delegation Badenweilers nach Paris ein, um das Parlament vorzustellen.  Es sei 1957 direkt visionär gewesen, so Gaultier, noch vor der Unterzeichnung des Elysee-Vertrags 1963 den Partnerschaftsvertrag auf den Weg zu bringen. Nun stünden, mit der erfolgten Präsidentenwahl in Frankreich und der bevorstehenden Kanzlerwahl in Deutschland,  beide Länder vor der gewaltigen Herausforderung, ein neues Europa zu gestalten. Diese Aufgabe sei aber unabdingbar für Bewahrung des Gleichgewichts der Welt. Dann fand Gaultier für den Beitrag beider Partnerstädte zu Europa ein poetisches Gleichnis: Bei einem großen Waldbrand hätten alle Tiere des Waldes in Hoffnungslosigkeit verzagt, das Feuer sei zu übermächtig. Nur der kleine Kolibri habe unermüdlich mit einem Eimerchen Wasser herangeflogen. Gefragt, warum er dies tue, habe er geantwortet: „Ich leiste meinen Beitrag“. Das sei auch die Situation der Partnerschaft in Europa, viel Applaus belohnte diese metaphorische Rede.

Dann ging es zurück ins Rathaus zum offiziellen Sektempfang, wo das Gastgeschenk Badenweilers vor den Fahnen Deutschlands, Frankreichs und Europas feierlich enthüllt wurde: die Marmorskulptur einer leicht geschürzten Nymphe mit Wasserkrug in der Hand auf einer marmornen Säule ruhend, geschaffen von Steinmetzmeister Heinz Schwab aus Niederweiler. Bürgermeister Perry brachte spontan eine begeisterte Interpretation zum Ausdruck, indem er auf die Frau als inspirierende Kraft Europas – auch das Gastgeschenk Vittels bedeutete Europa in Frauengestalt -  die Marmorsäule als stabile und kostbare Basis der Partnerschaft und den Krug als Trunk der Freundschaft pries. Der Eintrag ins Goldene Buch Vittels setzte den historischen Schlusspunkt im Festsaal des Rathauses.

Dann schritten alle Beteiligten zum festlichen Diner, für die Bürgerdelegation im „Salle du Moulin“, für die Amtsdelegation in der Kongresshalle, wo die französische Küche bewies, dass der Spruch „Leben wie Gott in Frankreich“ immer noch Gültigkeit besitzt.  

Als Redebeitrag erinnerte Museumsleiter Heinz Setzer an die literarischen Impulse zur Partnerschaft, welche gerade in diesem Jahr besondere Bedeutung erlangen würden, hätten doch sowohl die vor genau 50 Jahren verstorbene Schriftstellerin und Badenweilerer Ehrenbürgerin Annette Kolb als „citoyenne de deux patries“ als auch der elsässische Schriftsteller René Schickele Zeit ihres Lebens für die Aussöhnung beider Länder gekämpft. Badenweiler werde im November an seine Bürgerin Kolb mit einer Ausstellung erinnern. Später trafen Perry und Setzer sogar die Verabredung, diese Badenweilerer Ausstellung, ebenso wie die für nächstes Jahr geplante zu dem Theaterreformer Konstantin Stanislawski, der auch in Frankreich ein Begriff ist, nach Vittel weiterzugeben – vice versa etwa könne man an eine Ausstellung über die Wassertradition Vittels in Badenweiler denken.

Die Jumelage der Orchester – ein Weg zur musikalischen Begeisterung

Nach dem Mittagessen endlich Zeit der Muße und des Vergnügens: In der riesigen Thermalparkgalerie im Kurpark, die mit Getränke- und Essensständen und unübersehbaren Tischreihen bestückt war, sorgte zuerst wieder die Dixieland Band für ausgelassene Stimmung.  Danach der musikalische Höhepunkt: das Gemeinschaftskonzert des Orchestre d’Harmonie Vittels unter Leitung von Christophe Jeannot wie der Trachtenkapelle Badenweiler unter Günther Ritzel. Spielten zuerst beide Ensembles alleine, was im großen Galeriegewölbe schon für einen mächtigen Sound bei den Kompositionen wie dem „St. Louis Blues March“ oder „Around the World in 80 Days“ sorgte, der aber durch die gute Akustik auch feine, sensible Passagen genießen ließ, so wurde die Tonfülle überwältigend, als sich beide Orchester zu einem Klangkörper von rund 100 Musikern vereinigten. Dass diese außergewöhnliche Musikpartnerschaft möglich wurde, lag an der sichtbar gewordenen Freundschaft beider Dirigenten und der Qualität ihrer Musiker. Es war keineswegs ein Akt der Höflichkeit, sondern musikalischer Ergriffenheit und des Vergnügens, dass es gleich mehrfach zu Standing Ovations kam.

Die Kunst, mit Musik und Feuerwerk Gemüt und Himmel in Brand zu setzen

Vittel hatte noch mehr Vergnügungspfeile im Köcher: etwa die prächtige Parade des venezianischen Karnevals der Nachbarstadt Remiremont, die unter der säulengetragenen klassizistischen Wandelhalle  die Zeit ins 18. Jahrhundert zurückzudrehen schien;  die „Repas champêtre“, die Vielfalt der Gerichte der „ländlichen“ Mahlzeit; dann die zum Tanzen animierende Pop-Live-Musik des Vitteler Auswahlorchesters unter Geoffroy Maire, bis zum letzten nächtlichen Highlight: dem „Feu artificiel“, einem phantastischen Feuerwerk, das von lautgewaltigen Tonfolgen von Beethoven, Tschajkowski, Ravel oder Orff begleitet wurde. Als die letzten Gesänge der Carmina burana verklangen, schien der Himmel in Brand zu stehen. Einhellige Meinung – ein wahres Meisterstück der Inszenierungskunst.

Heinz Setzer