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Tod eines Beamten, Tschajkowski und Borschtsch.

Literaturmuseum und Dt. Tschechow-Gesellschaft feierten den Geburtstag des russischen Schriftstellers 

Jährlich versetzt der Geburtstag für Anton Tschechow am 29.1. seine südrussische Heimatstadt Taganrog, Badenweilers Kulturpartnerstadt, in Feiermodus. So auch jetzt wieder mit   Theateraufführungen, Lesungen und Ausstellungen, bei dem das feierliche Blumenniederlegen am großen Tschechow-Denkmal durch die Einwohner sogar Eingang ins Fernsehen findet. Auch in den anderen russischen Tschechow-Orten Moskau, Melichowo, Jalta und auf Sachalin ist dieser Tag ein besonderer Gedenktag.

In Badenweiler ist durch die Kooperation des Internationalen Literaturforums Badenweiler als Veranstaltungsplattform des Literaturmuseum mit der Dt. Tschechow-Gesellschaft (DTG) eine ähnliche Tradition entstanden: die der „Tschechow-Soiree“. Dieses Jahr fiel dieser Event sogar genau auf Tschechows 157. Geburtstag und er geriet zur bislang erfolgreichsten Soiree, sowohl durch ihr geglücktes Programm als auch durch die enorme Gästezahl. Hatte man anfangs Befürchtungen, das große Café „Le Jardin“ im Wiesengeschoss des Kurhauses würde nicht voll werden, so hatte man dann Probleme, noch genügend zusätzliche Stühle stellen zu können.

Ganz offensichtlich hatte sich die Strategie von Museum und DTG, satirisch-humoristische Kurzgeschichten Tschechows mit den Mitgliedern zu bestreiten, als Glücksfall erwiesen. Es lasen Prof. Dr. Helmut Haas, Elisabeth Hartmann, Prof. Dr. Rolf-Dieter Kluge, Dr. Regine Nohejl,  Dieter Schreck, Heinz Setzer und Jana Wenzel. Der stürmische Applaus des Publikums zeigte, dass die fünf ausgewählten Short Stories (Der gute Deutsche, Der Dicke und der Dünne, Der Name mit Pferd, Zu dick aufgetragen, Tod eines Beamten), die z. T. sogar mit verteilten Rollen gelesen wurden, sich nicht nur als Meisterstücke tiefgründiger Psychologie und virtuoser Sprachkunst erwiesen, sondern auch überzeugend vorgetragen wurden. Die Texte führten dabei die russische wie die deutsche Seelenlage gleichermaßen auf den satirischen Prüfstand.

Da aber eine Feier für den musikverliebten Tschechow ohne Konzertprogramm nur eine halbe Sache gewesen wäre, gab es im alternierenden Wechsel zu den Lesungen musikalische „Kurzkonzerte“, hinreißend gespielt von der russisch-deutschen Konzertpianistin Anna Scheps aus Würzburg.  Die beiden Moderatoren Nohejl und Setzer gaben bei jedem Wechsel teils amüsante, teils informative Kommentare. Der Konzertreigen begann rituell mit zwei Komponisten: Peter Tschajkowski und Sergej Rachmaninow. Der Erste als Freund und Bewunderer Tschechows, der diesen bereits 1888 in seinem Haus in Moskau besucht hatte. Tschechow war sogar bereit gewesen, für ihn ein Opernlibretto zu schreiben, doch der frühe Tod des Komponisten 1893 verhinderte dies. Und Rachmaninow war vertreten, weil er zu den großen Verehrern Tschechows zählte und ihm sogar seine 7.Symphonie („Der Fels“) gewidmet hat. Doch der Bogen war noch weiter gespannt: Mit Nikolaj Medtner hatte A. Scheps einen Komponisten des „Silbernen Zeitalters“, der ersten Jahrzehnte nach 1900, ausgewählt, der nach der Oktoberrevolution ins Exil ging und sogar teilweise sogar in Freiburg wohnte. Konzertabschluss bildete ein Stück aus Franz Liszts musikalischem Italienreisetagebuch „Années de Pélérinage“. Das Publikum bedankte sich für den teils romantisch-zarten, teils stürmisch-virtuosen Vortrag mit heftigem Applaus und forderte Zugaben, die gerne gewährt wurden. Erfreulich, dass auch viele Gäste von weiter außerhalb gekommen waren. So konnte der DTG-Vorsitzende Prof. Rolf-Dieter Kluge etwa die Vizepräsidentin der „Turgenev Gesellschaft Deutschland“ aus Baden-Baden, Tatjana-Emilia Tischner, begrüßen, vor allem aber Leonid Ossipowitsch Erman, den 90-jährigen Stellvertretenden künstlerischen Leiter des berühmten Moskauer Künstlertheaters. Weitere Gäste, etwa Prof. Laszlo von Szentpaly, der letzte Besitzer des untergegangenen Schlosses Alcard in Badenweiler, waren aus Stuttgart und Tübingen, andere aus Städten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen gekommen. Bürgermeister Karl-Eugen Engler und weitere Vorstandsmitglieder der DTG hatten sich zudem tatkräftig als Helfer des Kurhaus-Küchenchefs Hubert Lais eingebracht, der mit russischem Borschtsch und Piroggen den Abend lukullisch abgerundet hatte.

Heinz Setzer