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Ein Logenplatz zwischen den Stühlen.

Annette Kolb, Bürgerin zweier Vaterländer und literarische Stimme Europas.

Ausstellung zum 50. Todesjahr der Ehrenbürgerin Badenweilers.

Feierliche Eröffnung am 3. November 2017, 18 Uhr im Kurhaus Badenweiler

Mit Vorträgen und Lesungen während der Ausstellung.

Ausstellung: 4.-26.11.2017

Noch vor wenigen Jahrzehnten wurde Annette Kolb als Lichtgestalt der deutsch-französischen Verständigung, ihr Gesamtwerk als „Roman europäischer Erziehung“  und sie selbst als „Gewissen Europas“, „citoyenne de deux patries“ und große Dame der Literatur in ganz Deutschland gefeiert. Mittlerweile sind ihre Romane wie „Das Exemplar“ oder „Die Schaukel“ sowie ihre mutigen wie scharfzüngigen Essays kaum mehr am Buchmarkt präsent.

Doch gerade jetzt, angesichts der aktuellen Bruchzonen des vereinigten Europas, kann ihr Lebenswerk, das wesentlich zur Bildung dieses heutigen Europas mit beigetragen hat, wieder eine stimulierende Erfahrung sein.

Als die Badenweilerer 80-jährige Wahlbürgerin im Jahr 1955 das Ehrenbürgerrecht des Heilbads und zudem, nach Hermann Hesse, Albert Schweizer und Thomas Mann, den Goethepreis der Stadt Frankfurt erhielt -  die höchste kulturelle Auszeichnung der Stadt – galt das „Fräulein Kolb“, das lebenslang keinem geistigen Disput aus dem Weg gegangen und mit vielen großen Schriftstellern Europas befreundet war, als die „grande dame“ der deutschem wie französischen Kulturtradition.

Und als sie am 3.12.1967 als 92-Jährige in ihrer Geburtsstadt München verstarb, hatte sie die höchsten deutschen und französischen Orden für ihren Beitrag zur europäischen Verständigung erhalten.

A. Kolb, die sich 1922 neben ihrem lebenslangen Freund und literarischem Mitkämpfer, dem Schriftsteller und Dichter René Schickele in Badenweiler niedergelassen hatte, hielt dem Kurort bis zu ihrem Tod die Treue, trotz jahrelanger Exilaufenthalte in Frankreich, England und den USA. Ihr geliebtes Häuschen in der Kanderner Straße steht heute noch.

Badenweiler darf stolz darauf sein, durch Annette Kolb einen Platz in der europäischen Kulturgeschichte erlangt zu haben.

Die mit Unterstützung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach und des Monacensia-Archivs der Stadt München bestückte Ausstellung, die von dem Badenweilerer Museumsleiter Heinz Setzer im Rahmen des 19. Internationalen Literaturforums kuratiert wird, soll das Leben und Werk Annette Kolbs wieder ins öffentliche Bewusstsein zurück holen.

Bei der Eröffnung wird Frau Prof. Dr. Maryse Staiber unter dem Titel: „Annette Kolb und René Schickele – zwei Schriftsteller, die auszogen, Europa zu verändern“, den Festvortrag halten.

Dr. Staiber ist Professorin an der Deutschen Abteilung der Universität Straßburg, Direktorin der Studiengruppe für germanische und nordeuropäische Forschungen sowie Präsidentin der Vereinigung „Les Amis de la Revue alsacienne de littérature“. Nach einer Führung durch die Ausstellung schließt sich ein Stehempfang mit Musikbegleitung an. Der Eintritt zur Eröffnung ist kostenlos.

Am Folgetag, Samstag, dem 4. November, wird um 2015 Uhr, im Annette-Kolb-Saal des Kurhauses der bekannte elsässische Historiker, Kabarettist, Theologe und schriftstellerische „Grenzvagabund“ aus den Vogesen, Martin Graff, unter dem Titel: „Mitten durchs Herz. Eine deutsch-französische Gardinenpredigt“ halten.

Martin Graff ist bekannt dafür, deutsch-französischen Klischees so frech wie scharfzüngig auf den Zahn zu fühlen. Ein kritisches Abklopfen der badisch-elsässischen Gemeinsamkeiten gemäß den Überzeugungen Victor Hugos und René Schickeles, dass der Rhein beide Länder nicht trennt, sondern verbindet, darf im 60. Jahr der „römischen Grundsteinlegung“ Europas ebenso erwartet werden wie kritische Kommentare zu den deutschen und französischen Wahlen.

Eintritt: 12 €, Kurkarte und DTG 10 €, Schüler/Studierende 6 €.

Am Samstag, dem 25. November, 20.15, werden zum Ende der Ausstellung die Literatursprecherin Mandy Leichsenring (Neustadt/Pfalz) und Museumsleiter Heinz Setzer eine Lesung zu Annette Kolb unter dem Motto: „Einige kleine Stinkbomben, ohne Belang, flogen herein“. Textstücke und Aperçus zu Leben und Werk von Annette Kolb und René Schickele.

Arrangiert wird ein funkelndes Potpourri aus biografischen Notizen und Auszügen aus Romanen und gesellschaftskritischen Essays, das einen Eindruck vom mutigen Engagement beider Literaten gegen Nationalismus, Militarismus, Faschismus und für ein freies Europa und eine freie Kunst vermittelt.

Eintritt 10 €, 8 € Kurkarte und DTG, Schüler / Studierende 5 €.

Heinz Setzer:

Annette Kolb und René Schickele, ein Lebensüberblick aus Badenweilerer Warte.

Annette Kolb wurde 1870 in München in die deutsch-französisch gemischte Familie Kolb hinein geboren. Annettes Vater Max war Königlich-bayrischer Gartenarchitekt der Residenzstadt, seine Frau und Annettes Mutter, die Pianistin Sophie Danvin, hatte er während seiner Ausbildung in Paris kennen gelernt. Diese Zugehörigkeit zu zwei Kulturkreisen hatte Annette von früh auf im Bewusstsein von einem ihr eigenen, geistig-kulturellen Weltbürgertum geprägt. In München pflegte die Familie Kolb einen extravaganten Lebensstil, bekannte Musiker, Schriftsteller und Diplomaten verkehrten im Kolbschen Salon. In dem Schlüsselroman „Die Schaukel“ (1934) setzt Annette ihrer Familie ein literarisches Denkmal. Die „Schaukel“-Metapher bleibt als Balanceakt zwischen elitärem Lebensanspruch und bescheidenen finanziellen Möglichkeiten, katholisch-bayrischer Tradition und aufgeklärtem modernen Denken wie deutsch-französischer Wesensart das ganze Leben über an ihr haften. 1913 publiziert sie ihren ersten Roman „Das Exemplar“, der mit dem Fontane-Preis ausgezeichnet wird.

Als schicksalhafte Begegnung sollte sich die Begegnung mit dem deutsch-elsässischen Schriftsteller René Schickele erweisen. Beide kämpfen mit Wort und Schrift rückhaltlos gegen europäischen Militarismus, nationale Engstirnigkeit und für eine transnationale europäische Kultur. Wegen ihrer öffentlichen Vorträge zugunsten der Völkerfreundschaft mitten im Krieg wird Annette sogar des Landesverrats verdächtigt, was sie 1917 ins Schweizer Exil nach Bern treibt, wo Freund René, bereits ebenfalls emigriert, die expressionistischen „Weißen Blätter“ herausgibt.

Nach dem Ersten Weltkrieg lebt sie zuerst in München, damals steht sie im Zenit ihres Ruhmes. Ihr pazifistisches Engagement hat sie zur gesuchten Essayistin werden lassen, Kurt Tucholskys „Weltbühne“ und das „Berliner Tageblatt“ werben um ihre Mitarbeit.

Romain Rolland, damals einer der führenden literarischen Köpfe Frankreichs, würdigt sie als „Gewissen Europas“.

Als in München die ersten Aufmärsche der Nazis aber unübersehbar werden, besucht sie 1922 auf Einladung der Schickeles Badenweiler. Der Schriftsteller und seine Frau Anna („Lannatsch“) hatten sich dort von dem Architekt Paul Schmitthenner, dem späteren Professor in Stuttgart, ein Landhaus mit Blick auf sein geliebtes Elsass, sein Heimatland, bauen lassen, nachdem er von der Revolution 1918 völlig enttäuscht, am Rande des seelischen Zusammenbruchs, aus Berlin geflohen war.

Annette lässt sich, ebenfalls von Schmitthenner, in direkter Nachbarschaft zu Schickele und dessen Familie, ein Häuschen errichten. Die beiden Domizile in Kanderner Straße, in deren Nähe sich auch der Maler Emil Brischle ansiedelt, werden später als „Badenweilerer Künstlerkolonie“ bekannt.

Der Kurort wird für Kolb und Schickele nicht nur zur schöpferischen Oase, sondern auch zum kulturellen Treffpunkt für viele Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und Politik. A. Kolb veröffentlicht 1928 ihren Roman „Daphne Herbst“, eine gesellschaftskritische Darstellung der Vorkriegszeit, sowie mehrere Essays. 1931 kann sie den renommierten Gerhard-Hauptmann-Preis in Empfang nehmen und erwirbt als 61-Jährige den Führerschein und das lang ersehnte Auto.

Auch für Schickele sind die Badenweilerer Jahre die glücklichsten und literarisch ertragreichsten, hier entsteht sein Hauptwerk, die Romantrilogie „Das Erbe am Rhein“ (1925-31), die „Symphonie für Jazz“ (1929), der größte Teil der essayistischen Hymne auf Badenweiler, „Die Himmlische Landschaft“ (1933) und vieles mehr. Doch zu Ende 1932 sind diese glücklichen Tage angesichts der Erfolge der Nationalsozialisten in Deutschland für den politisch hellsichtigen Schickele bereits gezählt. Da er einen neuen Krieg vorausahnt, kehrt er aus einem Frankreichurlaub nicht mehr nach Badenweiler zurück. Auch Annette Kolb setzt sich ins Exil ab, nachdem sie 1933 in ihrem „Beschwerdebuch“ öffentlich gegen die Nazis Position bezogen hatte. Sie reist danach in ganz Europa umher. Als die Deutschen in Frankreich einmarschieren, geht sie zum dritten Mal ins Exil, diesmal in die USA. Es wird die bitterste Zeit ihres Lebens, ohne Freunde, ständig in Geldnöten, zudem leidet sie an den Folgen eines Unfalls.

Für Schickele sollte das Exil das Lebensende bedeuten. 1940 zieht er, fast völlig mittellos, mit Familie ins südfranzösische Vence, wo er am 31.1.1940 an den Folgen einer Rippenfellentzündung stirbt. Anna kehrt 1951 nach Badenweiler zurück, wo sie bis zu ihrem Tod am 3.12.1967 dem Kurort die Treue hält.

Kolb fährt schon 1945 nach Europa zurück, zuerst nach Paris, wo ihr der alte Freund, der Diplomat Wilhelm Hausenstein, unter die Arme greift. Ab 1953 wird er als Botschafter in Paris die deutsch-französische Aussöhnung betreiben.

Als Annette 1949 als Gründungsmitglied in die „Mainzer Akademie für Wissenschaften und Kultur“ und in die „Bayrische Akademie der Schönen Künste“ in München berufen wird, kehrt sie nach Badenweiler zurück. Mit Anna Schickele und vielen anderen Freunden aus Literatur, dem Theater und der Kunst entsteht ein „Cercle littéraire“, der Badenweiler eine frühe kulturelle Blüte nach dem Krieg beschert. A. Kolb wird nun mit Auszeichnungen überhäuft, sie erhält den Münchner und den Kölner Literaturpreis, den Bayrischen Verdienstorden, 1955 den renommierten „Goethe-Preis“ und die Ehrenbürgerschaft Badenweilers, 1961 stehen auch die beiden Regierungen nicht nach: 1961 wird sie französischer „Ritter der Ehrenlegion“ und erhält den Orden „Pour le Mérite“, fünf Jahre später dann das deutsche „Große Verdienstkreuz mit Stern“. 1961 zieht sie in ihre Geburtsstadt München zurück, hält aber das Häuschen in der Kanderner Str. bis zu ihrem Tod am 3.12.1967 als Ferienwohnsitz bei.

Badenweiler hat ihrer Ehrenbürgerin stets die Treue gehalten.

Heinz Setzer