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Arbeit und Muße - Polare Kernbegriffe unseres Daseins?

Zwei Vorträge im Literaturforum Badenweiler.

Das Corona-Virus bedroht seit Monaten global menschliches Leben und Arbeitsbedingungen – insofern ist es eine höchst glückliche Konstellation, dass das Internationale Literaturforum Badenweiler in seinem Herbstprogramm nun gleich zwei -  fast polare - Vorträge zu diesem globalen Thema von Verständnis und der Bedeutung der Arbeit – aber auch zur Befreiung von ihr anbieten kann:

Der erste Vortrag unter dem Titel: „Zur Philosophie der Arbeit: Hegel und Marx. Anlässlich des 250. Geburtstags des Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel“ findet am Dienstag, dem 13. Oktober, 20.15 Uhr, im René Schickele-Saal des Kurhauses statt.

Er wird bestritten von Prof. Dr. Rolf-Dieter Kluge, Ehrengast Badenweilers und bis Ende 2019 Gründungsvorsitzender der Dt. Tschechow-Gesellschaft (DTG), gemeinsam mit Prof. Dr. Dorothea Scholl, der neuen DTG-Vorsitzenden.

Beide Literaturwissenschaftler entfalten eine spannende Problemlage: Lange Zeit hatte „die Arbeit“ in der Philosophie der Antike und des (aufgeklärten) Europa so gut wie keine Beachtung gefunden.  Erst Hegel hat ihr eine tiefgehende und folgenreiche Untersuchung gewidmet, wonach Arbeit die Selbsterzeugung des schöpferischen freien Menschen und zugleich eine gemeinschaftsbildende Kraft sei. Karl Marx hat diesen Gedanken aufgegriffen und den Fokus auf die Frage verschoben, wem das Produkt der Arbeit rechtmäßig gehören solle. In der modernen arbeitsteiligen Gesellschaft könne der arbeitende Mensch nicht mehr über das Produkt seiner Arbeit verfügen: er wird vom "Arbeitgeber" abhängig, fühlt sich seiner Freiheit beraubt und unterdrückt. Für Marx entlädt sich diese Spannung in der sozial(istisch)en Revolution.  Gerade in Krisenzeiten dürfte unsere Gesellschaft wieder verstärkt diese Spannung verspüren.

Einem direkt gegenläufigen Konzept widmet sich der zweite Vortrag von DTG-Vorstandsmitglied, Dr. Regine Nohejl, am Freitag, dem 16.10., 20.15 Uhr im René-Schickele-Saalmit ihrem Bildvortrag unter dem Titel:„Arbeit, Freizeit und Muße?“

Die Literaturwissenschaftlerin Dr. Nohejl arbeitet im DFG-Sonderforschungsbereich „Muße“ an der Uni Freiburg. „Glück des Nichtstuns“ und Faultierleben, all dies sind Muße-Werbeembleme unserer modernen Freizeitgestaltung. Geht es dabei aber wirklich um „Muße“, oder ist das nur ein konsumadaptierter Etikettenschwindel? Die „Muße“, von der schon Aristoteles behauptete, sie sei die „Schwester der Freiheit“, ist jedenfalls mehr als nur Liegestuhlstranderlebnis oder Freigesetztsein von Arbeitszwängen. Seit Jahren befasst sich der Muße-Sonderforschungsbereich der Uni Freiburg mit solchen, letztlich philosophisch-existentiellen Fragestellungen. Wo liegen die historischen Wurzeln des Mußephänomens, ist es typisch für den westlichen Kulturkreis, oder ist es allgemeinmenschlicher Natur? Und wie verhält sich Muße zur Überzeugung von Hegel und Marx, dass nur Arbeit zur Selbstverwirklichung des Menschen führt? Auch das Überangebot an Freizeitaktivitäten für den vom Burnout bedrohten Menschen in unserer heutigen Arbeitsgesellschaft hat nicht unbedingt etwas mit Muße zu tun. Eine spannende und höchst aktuelle Thematik, gerade in einem Heilbad. Sie könnte die  Hörer vielleicht anregen, unentdeckte Potentiale der Muße für sich selbst zu entdecken. Zu solchen Fragestellungen entsteht im Kurort Baden-Baden derzeit sogar ein Museum! Auch darüber dürfte zu hören sein.

Die Veranstaltungen finden unter Beachtung der Corona-Hygieneregeln statt.

Abendkasse: 12 €, Kurkarte und DTG-Mitglieder 10 €, Schüler / Studierende 6 €.

H. Setzer