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Überwältigende Abschiedsfeier für Bürgermeister Engler

Es war eine glänzende Feier, die man wegen ihrer guten Stimmung, den opulenten Musik- und Rede- beiträgen sowie ihrer zeitlichen Ausdehnung kaum vergessen wird, wenn man dabei war. Um die 600 Gäste dürften im René-Schickele-Saal im Kurhaus zusammengekommen sein, um dem scheidenden Bürgermeister Karl-Eugen Engler nach fast 29 Dienstjahren einen würdigen Amtsabschied zu schenken. Nach einer beschwingten musikalischen Eröffnung durch das Kurensemble „Da Capo“ trat das Ritual der Ansprachen und Grußworte in sein Recht und wurde ausgiebig genutzt. Erster Bürgermeister-Stellvertreter Hans-Dieter Paul erinnerte an den ersten Amtstag Englers, den 28.6.1991, als dieser von seinem Vorgänger, Dr. Rudolf Bauert, die Gemeindegeschäfte in ideeller Übereinstimmung übernahm und zielstrebig weiterentwickelte.

Gästebegrüßung und Goldene Ehrenmedaille der Gemeinde

Bei Pauls Gästevorstellung dürften manchem die Augen übergegangen sein ob dieses langen Ehrentableaus. Als Vertreter Russlands und der Kulturpartnerstadt Taganrog, der Geburtsstadt Anton Tschechows, war Generalkonsul Alexander Bulay samt Protokollchef Nikita Rajewski aus Frankfurt gekommen, Und aus der Partnerstadt Vittel waren nicht nur der amtierende Bürgermeister Franck Perry angereist, sondern auch seine Amtsvorgänger Jean Claude Millot und Jean Jacques Gaultier, aktuell Deputierter der Nationalversammlung in Paris, sowie der Dirigent und eine Abordnung des Orchestre de l’harmonie de Vittel unter Dirigent Christophe Jeannot. Die Deutsch-französische Brigade Müllheim hatte Oberst Wynarski entsandt. Zudem waren die Landrätin Dorothea Störr-Ritter aus Freiburg, Ministerialdirigent Reiner Moser vom Stuttgarter Finanzministerium, Bürgermeisterkollegen der Region sowie Vertreter des Gemeindeverwaltungsverbandes,  des Bürgermeistersprengels  und der Badenweiler Thermen und Touristik GmbH vertreten. Auch Englers bereits gewählter Amtsnachfolger, Vincenz Wissler, war mit Lebensgefährten Lisa Novi zugegen. Und natürlich hatten die Vertreter aus Kultur, Kirche, Gemeindeverwaltung, Kindergarten, Feuerwehr und Vereinen ihre Repräsentanten aufgeboten. Ein familiäres Glanzlicht setzte die Anwesenheit von Herrn Englers Mutter Hedwig. Es waren beeindruckende Wirtschaftszahlen, die Paul zitierte, um die Leistungen der Ära Engler, der inmitten in seiner vierten Amtsperiode am 31.12.19 ausscheiden wird, zu kennzeichnen: 32 Millionen Gemeindeinvestitionen, 50 Mio. durch das Land, Erneuerung oder Neubau von Infrastruktureinrichtungen und große kulturelle Unternehmungen, was zeige, dass Engler nicht verwaltet, sondern gestaltet habe. Auch die Ehrungen durch Russland wurden nicht vergessen, hatte doch Engler schon gemeinsam mit Museumsleiter Heinz Setzer die Tschechow-Medaille und die Puschkin-Medaille erhalten, letztgenannte als höchste Auszeichnung Russlands im Kulturbereich für Ausländer. Nach dieser Tour de raison schritt Bürgermeisterstellvertreter Hans-Dieter Paul selbst zu einer großen Ehrung: die Überreichung der Goldenen Ehrenmedaille der Gemeinde Badenweiler als deren höchste Würdigung. Danach als Verschnaufpause ein „Neapolitanisches Ständchen“ von „Da Capo“.

Ansprache des Ersten Bürgermeister Stellvertreters

Pauls nachfolgende Ansprache erwies sich als ein humorvoller und spannender, auf die Großleinwand projizierter Bilderreigen: so von einer der ersten Amtshandlungen Englers, der Einweihung des Tschechow-Denkmals am Burgberg als Geschenk der russischen Tschechow-Enthusiasten von der fernöstlichen Insel Sachalin im Mai 1992, dann zu den vielfältigen Freundschaftsbesuchen in Vittel und Taganrog, über die Kontakte mit Japan, dann die Römer-Jubiläumstage bis hin zu Fastnachtsfeiern. Insbesondere fand ein völlig unerwartetes Foto Gefallen, das Karl-Eugen Engler in der romantisch-wilden Uniform eines Donkonsaken während einer Taganrogreise zeigte. Paul wurde mit großem Applaus belohnt. Danach wurde das Geschenk der Gemeindeverwaltung und der Vereine auf die Bühne gerollt: ein Bonsaibaum in staunenswerter Größe und wohl auch Alter, den Bonsai-Freund Engler ad hoc seiner Gattin Rona widmete.

Grußworte über nationale Grenzen hinweg

Protokollgemäß eröffnete Generalkonsul Bulay den Reigen der Grußworte. Er sei schon mehrmals im Kurort gewesen und habe damit immer betonen wollen, dass dieser mit dem einzigen Tschechow-Museum Westeuropas und seinen vielfältigen deutsch-russischen Kulturbeziehungen für den bilateralen Kulturdialog eminent wichtig sei. Deswegen habe Moskau auch in diesem Jahr das Gastspiel des Staatlichen Akademischen Obraszow-Puppentheaters im Rahmen der „Seasons in Germany“ gefördert. Landrätin Störr-Ritter hob die Kontakte zur japanischen Bäderstadt Iwaki und den Partnerstädten Vittel und Taganrog hervor. Über dem Kurort schwebe mit „Strahlkraft nach Russland“, der „Geist der Denker“, erklärte sie nicht ohne Pathos. Die Beziehungen mit Russland seien zwar nicht einfach, aber als Voraussetzungen für den Frieden in Europa unabdingbar. Der Stv. BTT-Aufsichtsratsvorsitzende, Ministerialdirigent Moser, ging besonders auf die Förderbereitschaft des Landes ein, das gerade 2015 die dritte Finanzierungsvereinbarung mit der Gemeinde und der BTT unterzeichnet habe. Zwar sei das Verhältnis der Beteiligten zueinander nicht immer einfach gewesen und so stünden auch in der Zukunft Veränderungen bevor, zumal nicht nur in Architektur, sondern auch in den Betrieb investiert werden müsse. Dr. Christian Ante als Kreisvorsitzender des baden-württembergischen Gemeindetags zählte die vielen Ausschüsse und Verbände einzeln auf, in denen Engler als Vertreter Badenweilers, der „Perle der 50 Landgemeinden“, Mitglied gewesen sei – es war eine staunenswert lange Liste. Bürgermeister Fritz Deutschmann verwies auf die nachhaltige Blüte des Gemeindeverwaltungsverbandes Müllheim-Badenweiler, für die Engler ein geschickter „Gärtner“ gewesen sei. Auch das jährliche Neujahrsschwimmen der Bürgermeister kam zu Wort, habe es doch stets eine unvergleichlich freundschaftliche Gesprächsatmosphäre geboten. Vittels Bürgermeister Perry sprach zwar französisch, ließ sein ausführliches Grußwort aber auf Deutsch projizieren, in welchem er betonte, dass man in den 62 Jahren der Partnerschaft nicht nur Freunde, sondern eine Familie geworden sei. Gerade nach der jetzigen Verwaltungsreform „Grand Est“ (Großer Osten) mit Elsass und Lothringen sollten, so sein Wunsch, die Beziehungen intensiviert werden können, denn die Partnerschaft benötige ständige Pflege. Die aktuellen politischen „Krämpfe“ in Europa machten solche Beziehungen vordringlich und die Partnerschaft stehe für die gemeinsame „Identität“ beider Städte. Praktisch schlug er die Verstärkung der Übersetzungsmöglichkeiten, des Spracherwerbs und Begegnungen vor. Er endete mit dem Bekenntnis: „Ich bin ein Einwohner Badenweilers“. Prof. Dr. Rolf-Dieter Kluge, Initiator vieler russischer Kulturprojekte und bis Oktober Gründungsvorsitzender der Deutschen Tschechow-Gesellschaft (DTG), ging auf deren große Veranstaltungen und europäischer Bedeutung sowie die Verdienste BM Englers als Schatzmeister der Gesellschaft ein. Darüber hinaus unterstrich er, dass die grundsätzliche Aufgabe der DTG in der Pflege und kontinuierlichen Bewusstmachung des literarischen Erbes und in der Beschäftigung mit der neuen und zeitgenössischen Literatur in Deutschland, Russland und Europa bestehe, unabhängig von der „großen“ Politik. „Ob sich Regierungen vertragen und streiten, ja ob Staaten sogar Krieg führen oder Frieden schließen: die humane Qualität von Tschechows Werken bleibt da wie dort davon unberührt“, was alle zivilisierte Nationen verbinde und zur friedvollen Verständigung führen könne. Museumsleiter Heinz Setzer ließ die Weiterentwicklung der internationalen russischen Kulturtradition des regionalen Badenweilers durch BM Engler seit 1991 Revue passieren, wozu solche Meilensteine gehörten wie die Errichtung des neuen Tschechow-Denkmals (1992), die Internationalen Tschechow-Kongresse (1994 und 2004), die zweifache Museumseröffnung (1998 im Kurhaus und 2015 im Rathaus), die Kulturpartnerschaft mit Taganrog seit 2002 und die DTG-Gründung 2009. Für die deutsch-russischen Beziehungen sei die Ära Engler mehr als „nur“ eine Kulturbrücke, sondern ein lebendiges Netzwerk geworden, das sich quer über ganz Russland ziehe und Museen, Theater, Universitäten, aber auch diplomatische Vertretungen einbeziehe. Pastoralreferent Klaus Nepple verwies auf die Bedeutung der beiden Kirchen im täglichen Leben, vor allem für die Kurgäste, deren Kirchenbesuch im 3-stelligen Bereich liege. Das Bild des Badenweilerer Esels als williges Lasttier sei auch ein passendes Emblem für das Selbstverständnis der Kirchen im Ort. Pfarrer Dietmar Bader fügte einen hymnischen Limerick auf Englers Amtsführung dazu, der viel Beifall erntete. Fritz Steinbrunner hatten die Vereine Badenweilers ins Danksagungsrennen geschickt. Er teilte den Kurort in zwei gesellschaftliche Hälften: das offizielle Badenweiler mit Amts- und Kommissionsvertretern und das inoffizielle der einfachen Vereinsmenschen und Bürger. Nun begrüße er Karl-Eugen Engler als Mensch und Freund der Vereine. Großer Applaus! Hauptamtsleiter Florian Renkert war das Schlusswort zugenommen, es geriet zu einem Ein-Personen-Schauspiel. Renkert zitierte – augenzwinkernd den Datenschutz aushebelnd, aus den beiden positiven Personalzeugnissen des vorbürgermeisterlichen Karl-Eugen Engler. Dann aus einer fiktionalen aktuellen Personalbewertung der Rathausmitarbeiter in Form einer großen Urkunde anlässlich des Amtsverzichts ihres Chefs nach 29 Jahren Dienstleistung für die Gemeinde: Überdurchschnittlicher Einsatz, geistige Beweglichkeit, Einfühlungsfähigkeit, Toleranz … waren da fast endlos gelistet, eine Laudatio, die aber auch, je nach Stimmungslagen des Betroffenen, abweichende Gradationen zuließ, in toto aber großes Bedauern ausdrückte. Das Schlusswort fiel dem Bürgermeister mit einer großen Danksagung an Bürger, Mitarbeiter, Amtsinstitutionen und Vereine zu. „ich hatte gute Ratgeber und Mitarbeiter…“, auch ausgeschiedene wie Amtsleiter Belle oder Rechnungsamtsleiter Trautwein wurden ebenso bedacht wie sein Amtsvorgänger Dr. Rudolf Bauert und der Vitteler Altbürgermeister Guy de la Motte Bouloumié, der in den nächsten Tagen seinen 99. Geburtstag feiern kann. Mit den Worten „viel Glück und viel Freude im Amt“ bedachte Engler auch seinen Nachfolger Vincenz Wissler. Den Wunsch der römischen Gewandspange „Si me amas“ deutete Engler zu seinem persönlichen Abschiedsgruß um, als große Liebe zu Badenweiler, seinen Bürgern und allen Kolleg*innen.  Man hätte an einen Flashmob glauben können, wie per Signal elektrisiert, erhoben sich 600 Gäste zu standing ovations. Mit der Ode an die Freude von „Da Capo“ und dem Gemischten Chor Schweighof endete dieser Part des Abends. Draußen im Foyer ging dann bei einem ausgelassenen Stehempfang mit der Trachtenkapelle Badenweiler, der Akkordeon-Spielgemeinschaft Auggen-Lipburg und der Rockband „Wombats“ der Abend bis weit nach Mitternacht weiter.

Heinz Setzer