Not- & Stördienste
Nächste Sitzungstermine

Jüdisch-literarische Spuren in Badenweiler. Vor 110 Jahren kam Scholem Alejchem erstmals in den Kurort.

Eine zentrale Aufgabe eines modernen Museums ist es, Bildung und Unterhaltung spannend zu vereinen. Deswegen hatte das Literaturmuseum Badenweiler für den diesjährigen „Internationalen Museumstag“ am 19. Mai auch ein Thema vorgesehen, das in ganz Europa durch die Judenverfolgung der Nazis weitgehend ausgelöscht wurde: die deutsch-jüdische Kultur.

Geplant war, den vor allem in Badenweiler entstandenen Künstlerroman „Wandernde Sterne [orig.: Blondzhene schtern]“  des russisch-jüdischen Schriftsteller Scholem Alejchem (1859-1916) als gerade entstehende deutschsprachige Erstübersetzung von Dr. Shifra Kuperman (Zentrum für jüdische Studien, Univ. Basel)  vorzustellen. Die Corona-Pandemie ließ dieses Projekt scheitern.

S. Alejchems Verbindung zum Kurort hatte das Museum erst in den letzten zwei Jahren recherchiert. Nun, kurz nach dem „Europäischen Tag der jüdischen Kultur“ (Sonntag, 6.9.2020) erscheint es als adäquates Datum,  das Museum  mit einer  biografischen Wandtafel  für den  Schriftsteller noch in dieser Woche zu ergänzen.

Dabei wird S. Alejchem nicht der erste jüdische Autor im Museum sein, vertreten sind bereits Hermann Broch (1886-1951), dessen Romantrilogie „Die Schlafwandler“ zum Teil sogar in Badenweiler spielt, und die Halbjüdin Ingeborg Hecht-Studniczka (1921-2011), die das Erinnerungsbuch „Als unsichtbare Mauern wuchsen“ schrieb.

Als S. Alejchem vor 110 Jahren unter seinem richtigen Familiennamen Rabinowitsch mit seiner vielköpfigen Familie in der Pension „Villa Künne“  (1911 im „Haus Ruppert“) Quartier bezog, war auch sein Schwiegersohn Itzak Berkowitsch (1885-1967) mit dabei, der selbst ein ausgewiesener Schriftsteller war, der aber vor allem als der Übersetzer S. Alejchems ins Hebräische und Englische bekannt wurde. Badenweiler hatte damals schon lange für jüdische Gäste einen guten Namen, auch wenn hier keine jüdische Gemeinde existierte. Sogar das heutige Rathaus war bis 1908 ein koscheres Gasthaus gewesen.

Die unregelmäßig erscheinende Reihe der Artikel zu den „Museumsbewohnern“ soll hier mit dem S.-Alejchem-Artikel nach der Sommerpause fortgeführt werden:

Scholem Alejchem, Badenweiler und die jiddische Literatur

S. Alejchem (*2.3.1859 als Scholem Rabinowitsch, Perejaslawl bei Kiew; + 13.5.1916, New York)gilt als einer der bedeutendsten russisch-jüdischen Schriftsteller und als einer der Begründer der jiddischen Literatur. Sein umfangreiches Gesamtwerk mit 28 Bänden (1917-1925, New York) umfasst Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Essays und Briefe. Erste Werke erschienen bereits 1877 auf Russisch und Hebräisch, der Sprache der jüdisch Gebildeten, dann wechselte er aus Gründen der Volksaufklärung ins Jiddische, das die einfache Bevölkerung des jüdischen „Schtetl“ sprach und das er auf literarisches Niveau hob. Durch Judenverfolgungen und den Holocaust ist das Jiddische fast völlig in Europa verschwunden. S. Alejchem führte ein abenteuerliches Leben als Rabbiner, Journalist, Börsenspekulant, zionistischer Agitator und ab den 1890er Jahren vor allem als Schriftsteller. 1903 versuchte er Anton Tschechow, der seine Werke schätzte, vergeblich zu einer Zusammenarbeit mit ihm zu bewegen. 1905 flüchtete S. Alejchem vor Pogromen aus Odessa, es folgten Vortragsreisen durch Europa und in die USA. 1907 kehrte er nach Europa zurück, wo er erneut lange Lesereisen unternahm. 1910/1911 lebte er mit seiner ganzen Familie in Badenweiler, um seine TBC zu kurieren und um zu arbeiten, wie erst ab 2018 durch Recherchen des Museums näher bekannt wurde. Im Kurort entstanden der satirische Kurortroman „Marienbad“, der Künstlerroman „Wandelsterne“  [wörtl. „Wandernde Sterne“] sowie Erzählungen u.a. 1914 emigrierte er erneut in die USA, wo er seiner Tuberkulose erlag. Bei seiner Beerdigung 1916 in New York sollen über 100.000 Menschen seinem Sarg gefolgt sein. Sein Erfolg steigerte sich noch durch die Übersetzungen seines Schwiegersohnes Isaak Berkowitz, der ebenfalls in Badenweiler gewohnt hatte, ins Hebräische und in mehrere europäische Sprachen. Scholem Alejchems Tod bedeutete das Ende der klassischen Periode der jiddischen Literatur, doch hatte sein Werk großen Einfluss auf die nachfolgenden Autorengenerationen wie Isaac. B. Singer, Joseph Roth, Saul Bellow u. a. 1960 startete auf der Grundlage seines bekanntesten Romans „Tewje, der Milchmann“ mit riesigem Erfolg das Broadway-Musical „The Fiddler on the Roof“, das dann auf den Bühnen der ganzen Welt gespielt wurde. In Deutschland erfolgte die Erstaufführung in Hamburg 1968 unter dem Titel „Anatevka“. Schon 1964 entstand in Tel Aviv für ihn ein Museum, 2009 wurde auch in Kiew ein Museum eröffnet. Denkmäler für ihn existieren in Kiew und Moskau.

H. Setzer