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Neues von den Literaturetagen im Rathaus

Dass sich moderne Museen nicht mehr als Aufbewahrungsorte historischer Relikte verstehen, sondern als Bildungs- und Erlebnisorte, ist bekannt. Wer heute etwas wissen will, lässt Meyers Lexikon und den Brockhaus links liegen und ruft zumeist Wikipedia auf.

Doch anzunehmen, damit sei auch jede Museumsinformation überflüssig geworden, wäre ein Fehlschluss. Denn Museen bieten im Normalfall einen ideellen und informativen „Mehrwert“, den das Internetlexikon nicht vorweisen kann. So vor allem, wie auch im Literaturmuseum „Tschechow-Salon“, die Anbindung der allgemeinen Wissensebene an die spezifisch örtlich-historischen Verhältnisse. Und nicht weniger entscheidend: hier gibt es keine Einzelinfos, sondern Mitteilungen im Zusammenhang von Gesellschafts- und Kulturgeschichte. Und die Veranstaltungen, bei uns im Rahmen des Internationalen Literaturforums, gehören als Wege der Verlebendigung der Geschichte unbedingt dazu. Damit können neue Blickwinkel und Perspektiven eröffnet werden, die  ein besonderes Bildungserlebnis mit Vergnügen vermitteln können. Dass das Museum hierdurch auch zum Stimulus kultureller Identitätsbildung werden kann,  ist mehr als ein frommer Wunsch. Das Gästebuch des Museums mit seinen freiwillig getätigten Einträgen ist ein überzeugendes Beweisstück.

Unser vor fünf Jahren neu gestalteter „Tschechow-Salon“  im Rathaus hat sich im Vergleich zu seinem Vorgänger  – damals noch im Rückgebäude des Kurhauses – sehr gewandelt und an die heutigen Bedürfnisse der Kommunikation angeglichen. Keine langen Leseartikel und Audiovorträge mehr, sondern kurze und prägnante Informationen zu Autor und Werk. Mancher Literaturfreak quittiert das zwar mit „leider“, doch so sollen gezielt Neugierde und Anreize in einer breiteren Öffentlichkeit stimuliert werden. Wer es danach genauer haben will, muss dann zum neuen Museumsführer greifen oder wirklich ein Buch in die Hand nehmen, dafür gibt’s im “Salon“ ein Bücherregal. Sogar die grafische Darstellung der „Lebenslinien“ auf der Biografiewand besitzt Info-Mehrwert, macht sie doch die Dichte der Schriftstellerbesuche im Heilbad sichtbar. Dabei gibt es Glanzlichter: Für Badenweiler sind  Stephen Crane, Hermann Hesse, Anette Kolb, René Schickele, Konstantin Stanislawski und vor allem Anton Tschechow zu „Brands“ oder „Marken“ geworden, die sein Kulturprofil vorrangig definieren.

Seit 2015 hat das Museum jetzt erstmals eine Erweiterung erfahren und gleich zwei neue „Bewohner“ erhalten: den russisch-jüdischen Schriftsteller Scholem Alejchem (1859-1916, siehe Amtsblatt vom 10.9.20, S. 3) sowie den Slawisten und Literaturwissenschaftler Prof. Prof. h.c. Dr. Rolf-Dieter Kluge (geb. 1936), der seit Ende der 1970er Jahre, zumindest was die Tschechow-Gedenk- und-Veranstaltungskultur des Heilbads betrifft, eine ganze Rezeptionsepoche an vorderster Stelle mitbestimmt hat. Die drei Internationalen Tschechow-Symposien (1985, 1994, 2004) und die Wiedererrichtung des Tschechow-Denkmals am Burgberg 1992 seien nur stellvertretend genannt. Für die Dt. Tschechow-Gesellschaft wirkte er ab 2009 zehn Jahre als Gründungsvorsitzender; 2018 hat ihn Badenweiler mit der Verleihung der Ehrengastwürde geehrt.

Nun haben beide, S. Alejchem und R.-D. Kluge, im Museum auf der „Lebenslinienwand“, je eine biografische Infotafel erhalten. Einige Vitrinenexponate ergänzen die Personendarstellungen.

Herbstprogramm trotz Corona

Leider sind seit dem Internationalen Museumstag am 19.5.20 bis heute alle Museumsveranstaltungen dem Corona-Virus zum Opfer gefallen,  doch nun, da vieles überschaubarer geworden ist, sollen zumindest drei  Veranstaltungen den ungebrochenen kulturellen Elan des Museums, aber auch seiner Kooperationspartner unter Beweis stellen.

Das 22. Internationale Literaturforum des Museums lädt in Zusammenarbeit mit der Dt. Tschechow-Gesellschaft und dem Englischen Seminar der Univ. Freiburg zu seinem Herbstprogramm:

Di., 13.10.2020, 20.15 Uhr, Kurhaus: „Zur Philosophie der Arbeit. Von Hegel bis Marx“

Vortrag anlässlich des 250. Geburtstags des schwäbischen Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel. Bildvortrag von Prof. Dr. Rolf-Dieter Kluge (Univ. Tübingen / Warschau), Ehrengast Badenweilers, Ehrenvorsitzender der DTG. Textlesungen: Prof. Dr. Dorothea Scholl (DTG-Vorsitzende, Tübingen / Kiel)

Frei., 16.10.2020, 20.15 Uhr, Kurhaus: „Muße – voll zugemessen. Ein Leitmotiv für Körper, Seele und internationale Kultur“. Bildvortrag von Dr. Regine Nohejl (Slavisches Seminar Univ. Freiburg). Ein DFG-Forschungsprojekt über die Philosophie der Kurorte.

So. Allerheiligen, 1.11.2020, 17.00 Uhr. Kurhaus:  Zu Stephen Cranes Geburtstag:„Stephen Cranes Europabild“.  Bildvortrag von Prof. Dr. Wolfgang Hochbruck (Englisches Seminar, Univ. Freiburg) im Zwischenjahr der alle zwei Jahre stattfindenden Verleihung des Stephen Crane-Forschungspreises der Univ. Freiburg und Badenweilers.

Bildkommentar: Der Grafiker Andreas Pahl montiert die Wandtafel für Scholem Alejchem

H. Setzer