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Tschechow-Archiv Badenweiler erhält Zuwachs bedeutender Theaterliteratur.

Für ein Literaturarchiv ist es stets ein besonderes Zeichen der Anerkennung, wenn ihm wertvolle Dokumente als Geschenk zufließen. Das Literaturarchiv der Gemeinde hat dieses Glück schon seit seiner Gründung vor 64 Jahren immer wieder erfahren, so auch jetzt wieder durch die Donation der Dramaturgin Eva Conradi aus Frankfurt. Sie hatte in Bochum bei Prof. Hajo Kurzenberger studiert, durch seine Vermittlung die großen Bühnen Deutschlands kennen gelernt, wobei sie Shakespeare und Tschechow zu ihren Lieblingsautoren erkor. Während Theater-Engagements in Oldenburg und am Schauspielhaus Bochum hatte sie eine Sammlung von wichtigen Theaterdokumenten wie Regiebücher, Theaterführer etc. ab den 1970er Jahren zusammengetragen, die sie jetzt zwischen dem Deutschen Theatermuseum in München, einem universitären Forschungsinstitut und dem Tschechow-Archiv Badenweilers aufteilte.

Badenweiler erhielt dabei 16 Dokumente zur Tschechow-Rezeption auf deutschsprachigen Bühnen, so das Programmbuch zu Tschechows „Platonov“ des Thalia Theaters in Hamburg von 1989, das 200 Seiten starke Programmheft des Wiener Akademietheaters zu „Ivanov“, sämtliche Publikationen der Schaubühne am Lehniner Platz zum „Kirschgarten“ (1989) und zu den „Drei Schwestern“ (Regie: Peter Stein, 1987/1988), wozu auch die deutschen Erstpublikationen der Regiebücher von Konstantin Stanislawski und eine hervorragend erhaltene Fotomappe zu diesen Aufführungen mit Kommentarheft gehören.  Theaterbücher der Münchner Kammerspiele (Onkel Wanja, 1988), des Schauspielhaus Bochum (Onkel Wanja, 1988; Die Möwe, 1991) und des Deutschen Schauspielhauses Hamburg (Die Möwe, 1984/85) ergänzen die Sammlung wie der großformatige Bildband „Tschechow und das Ensemble Konstantin Stanislawskis“ der Berliner Schaubühne von 1984. Alle diese Publikationen sind Zeugnisse der Vorwendezeit, als Tschechow Lieblingsdramatiker der deutschsprachigen Bühnen geworden war.

Ein für Badenweiler besonders wertvolles Geschenk ist der Katalog zur Tschechow-Ausstellung des Staatlichen Literaturmuseums Moskau im Heinrich-Heine-Museum Düsseldorf von 1979. Diese Ausstellung wollte Altbürgermeister Dr. Rudolf Bauert nach Beendigung der Düsseldorfer Präsentation in den Kurort holen, was aus konservatorischen Gründen nicht machbar war. Doch als Ersatz und Dank für die langjährige Tschechow-Gedenktradition des Kurortes schenkte das sowjetische Kulturministerium noch im gleichen Jahr dem Kurort Badenweiler die große „Tschechow-Kiste“, die heute im Original samt Inhalt im Literaturmuseum „Tschechow-Salon“ steht. Sie beinhaltete 50, speziell für Badenweiler vom Moskauer Museum angefertigte und auf Karton aufgezogene großformatige Fotografien (A2) zu Tschechows und Stanislawskis Leben und Werk. Mit dieser Donation wurde dann die erste große Tschechow-Ausstellung Badenweilers gestaltet.

Vielleicht war dies auch eine Präsentation mit Folgen: In Düsseldorf hatte Johannes Rau, damals noch Ministerpräsident von NRW, die Schirmherrschaft für die Moskauer Ausstellung übernommen. 2004, dem letzten Jahr von Raus Amtszeit als Bundespräsident, übernahm er die Schirmherrschaft für das mit viel internationaler Aufmerksamkeit ausgezeichnete 6. Literaturforum Badenweiler anlässlich Tschechows 100. Todesjahr. Im Folgejahr wurde Rau als „Ehrengast“ des Heilbades ausgezeichnet. Den „Tschechow-Salon“, damals noch im Kurhaus, dürfte er mit großem Interesse und vielen Erinnerungen an den Schriftsteller erlebt haben. Es ist immer wieder erstaunlich, in welcher Weise der Name Tschechow eine ganze Flut an Netzwerkverbindungen auslösen kann.

H. Setzer