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Internationale Sprach- und Kulturbrücke des Literaturmuseums

Präsentation eines Museumsführers in vier Sprachen im „Tschechow-Salon“ am „Internationalen Museumstag“

Es liegt schon acht Monate zurück, dass das Literaturmuseum Badenweiler „Tschechow-Salon“ erstmals in „Badenweiler Aktuell“ über das bewilligte Förderprojekt eines Museumsführers in vier Sprachen informierte (16.9.2019). Nun endlich können die vier auf Deutsch, Englisch, Russisch und Französisch vorliegenden Broschüren „Autorenportraits und Kontexte“, „Author’s portraits and contexts“, „Портреты авторов и контексты“ und „Portraits d’auteurs et contextes“ im Museum ausgelegt werden.

Dabei ist es ein höchst symbolisches Zusammentreffen, dass dieser internationale Brückenschlag zur Badenweilerer Literaturgeschichte im 75. Jahr des Kriegsendes erfolgt. Wurde doch die Gründung des „Tschechow-Archivs“ 1956, das dann 42 Jahre später die Grundlage des Literaturmuseums bildete, in einer Ratsprotokollnotiz damit erklärt, das Engagement des Kurorts für die „Aussöhnung mit dem ehemaligen Kriegsgegner Sowjetunion“ dokumentieren zu wollen. Historisches Verantwortungsgefühl und Gestaltungswille für ein friedliches Europa standen somit bereits an der Wiege der literarischen Gedenkkultur des Heilbads.

Letztes Jahr konnte Museumsleiter Heinz Setzer über das Bundesförderprogramm „Kultur im ländlichen Raum“ eine Förderung beantragen, um in den für die Besucher wichtigsten Sprachen erstmals einen Museumsführer entwickeln zu können, der breitere biografische Daten und vor allem die jeweiligen persönlichen Beziehungen der 28 „Museumsbewohner“ zu Badenweiler im historischen Kontext vorführen kann. Bei dem Umzug vor fünf Jahren ins Rathaus mit totaler Neugestaltung und thematischer Erweiterung des Museums waren nur deutschsprachige Kommentare realisierbar gewesen. Seit dieser Zeit hatte eine mehrsprachige Publikation wegen der vielfältigen grenzüberschreitenden Verbindungen des Museums Priorität besessen.

Nun können durch das handliche Flyerformat der Broschüren mit je 44 Seiten diese als kleines Kompendium der Badenweilerer Literaturgeschichte ohne Probleme auch bei Rundgängen mitgeführt werden, sind doch auch die literarischen Denkmäler des Heilbads mit aufgeführt. Für die anspruchsvollen Übersetzungs- und Korrekturarbeiten haben mehrere Vorstandsmitglieder der Deutschen Tschechow-Gesellschaft, die auch finanzielle Unterstützung zugesagt hat, sowie Hochschullehrer der Universitäten Freiburg und Tübingen und freie Übersetzer hohe Anerkennung verdient.

Nun endlich, zum Internationalen Museumstag am Sonntag, dem 17. Mai 2020, werden alle vier Broschüren im wiedereröffneten Literaturmuseum im „Broschürenschrank“ ausgelegt werden. Da wegen der Corona-Krise die für diesen Tag vorgesehene Museumsveranstaltung, die Premierenlesung aus der ersten deutschsprachigen Übersetzung eines weitgehend in Badenweiler entstandenen Romans des russisch-jüdischen Schriftstellers Scholem Alejchem entfallen muss, wird es keine Präsentation der Broschüren im Veranstaltungsrahmen geben.

Die Museumsführer können für eine Schutzgebühr von 3 Euro pro Exemplar, einzuwerfen in eine im Museum installierte Kasse, erworben werden. Nach Wiedereröffnung der Tourist-Information im Kurhaus werden die Broschüren auch dort erhältlich sein.

Schon im Amtsblatt vom 30.4.20 war als „Schnupperangebot“ des Museumsführers der Doppelartikel zu Annette Kolb und René Schickele abgedruckt worden. Nun soll der Artikel über die ehemalige Badenweilerer Bürgerin Ingeborg Hecht-Studniczka stehen, die als deutsch-jüdische Schriftstellerin mit ihren Erinnerungsbüchern zur Judenverfolgung in Deutschland hohe Anerkennung erfuhr.

Aus der Museumsbroschüre:

Eine Zeitzeugin der besonderen Art – die Schriftstellerin Ingeborg Hecht-Studniczka

(* 1.4.1921, Hamburg; † 6.5.2011, Freiburg)

Ingeborg Hecht-Studniczka war die einzige Tochter einer deutsch-jüdischen gebildeten Familie in Hamburg. Um im Dritten Reich das Überleben zu sichern, verließ der jüdische Vater Felix Hecht 1933 die Familie. Ingeborg Hecht war als „Mischling 1. Grades“ eine höhere Schulbildung und ein Studium verwehrt, ihr Vater wurde ab 1935 verfolgt und in Auschwitz 1944 ermordet. 1943 zogen Mutter und Tochter nach Staufen und dann nach Badenweiler, wo I. Hecht von 1948 bis 1954 wohnte. Danach lebte sie in Freiburg i. Br., wohin sie ihrem Mann, dem Übersetzer und Juristen Hanns Studniczka, gefolgt war. Ihre autobiografischen Erinnerungsbücher zur Judenverfolgung wurden wichtige Aufklärungswerke in der Bundesrepublik. Als ihr bedeutendstes Werk gilt: „Als unsichtbare Mauern wuchsen. Eine deutsche Familie unter den Nürnberger Rassegesetzen“ (1984). Zudem wurde sie eine bedeutende Chronistin des Badenweilerer gesellschaftlichen Lebens. Sie gehörte mit zu dem „Cénacle littéraire“ (Literaturkreis) der Nachkriegszeit im Kurort, mit Annette Kolb, Anna Schickele, dem Schauspieler Charles Regnier, dem Übersetzer Ernst Sander, dem Heimatforscher Dr. Ernst Scheffelt und vielen anderen, mit denen sie bekannt oder befreundet war. Unter ihrem Künstlernamen Ingeborg Hecht hat sie zahlreiche Essays, Rundfunksendungen zu Stephen Crane, Anton Tschechow, Annette Kolb, René Schickele und anderen Persönlichkeiten des Kurlebens verfasst. Ihre Bücher wie „Wie könnt ich Badenweiler je vergessen“ (1979, mehrere Auflagen) und „Mein Schwarzwald“ (1996) sind Perlen der Erinnerungskultur des Ortes. Dem Kurort blieb sie auch nach ihrem Wegzug nach Freiburg stets verbunden. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. 2005 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. 2010 nahm sie letztmals am „Internationalen Literaturforum“ des Museums Badenweiler teil und vermachte diesem auch ihre Tschechow-Manuskripte. Bis zum Ende ihres Lebens hielt sie Aufklärungsvorträge in Schulen und Universitäten. Ihr literarischer Nachlass befindet sich im „Deutschen Literaturarchiv“ in Marbach.

Heinz Setzer